Neuerscheinung: "Sprachliche Gewalt"
Ein Band zu Formen und Effekten von Pejorisierung, verbaler Aggression und Hassrede
von josch am 2018-09-19

Zusammen mit Fabian Klinker und Joanna Szczęk habe ich ein Buch zum Thema "Sprachliche Gewalt" beim Metzler Verlag herausgegen. Die vollständige bibliographische Angabe lautet:

Klinker, Fabian / Joachim Scharloth / Joanna Szczęk (Hrsg.) (2018): Sprachliche Gewalt. Formen und Effekte von Hassrede, Pejorisierung und verbaler Aggression. Stuttgart: J.B. Metzler.

Im Folgenden dokumentiere ich das Editorial, das einen Überblick über die Beiträge gibt.

Editorial

Sprachliche Gewalt, Beleidigungen, Herabwürdigungen und zeichenhafte Aggressionen sind Normal- und zugleich Grenzfall menschlicher Kommunikation. Einerseits kennen alle vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaften Formen von Spott, Lästerung, Schmähung und Beschimpfung, die deshalb als ein ubiquitäres soziales Phänomen gelten und als eine grundlegende Dimension menschlicher Kommunikation und Interaktion verstanden werden dürfen. Andererseits stellen Praktiken der Entwertung und Herabsetzung einen Grenzfall der Kommunikation dar, insofern sie zumeist als Überschreitung des normalen Modus zwischenmenschlichen Umgangs aufgefasst werden; eine Normüberschreitung, die aber zugleich in besonderer Weise die Umrisse gesellschaftlicher „Normalität“ markiert. Gewalt verstehen wir dabei mit Sybille Krämer (2007: 36f) als Angriff auf den physischen und symbolischen Körper einer Person gleichermaßen. Mit Gewalt geht eine Veränderung der physischen oder sozialen Position einer Person einher, die vom Ziel des gewalttätigen Angriffs als schmerzhaft und verletzend aufgefasst wird, insofern der Angriff die Identität (im Sinne einer Positionierung im sozialen Raum) bedroht.

Im Unterschied zur physischen Gewalt kann sprachlich-symbolische Gewalt allerdings nicht aufgezwungen werden. Sie ist auf die Mitwirkung des Adressierten angewiesen, beruht jedoch ebenso auf der ratifizierenden, legitimierenden und autorisierenden Kraft, die von Dritten ausgeht (Kuch 2010: 234ff). So sind personale Dritte als Zeugen daran beteiligt, ein ambiges Geschehen als gewaltsam, ehrverletzend oder diskriminierend durch ihre Deutungen und ihr Verhalten zu disambiguieren. Dritte statten Sprecherinnen und Sprecher potenziell verletzender Worte zudem mit symbolischem Kapital aus, so dass sie im Namen Dritter sprechen können. Und schließlich sind Dritte insofern am invektiven Geschehen beteiligt, als sprachliche Herabsetzung in konventionalisierten Formen erfolgen muss, will sie gelingen, und eine Äußerung frühere Äußerungen Dritter aufruft und zitiert. Entsprechend ist sprachliche Gewalt nicht allein erklärbar als Folge der Intentionen von Sprecherinnen und Sprechern und ebenso wenig allein aus dem subjektiven Empfinden der adressierten Person.

Sprachliche Gewalt lässt sich anhand verschiedener Parameter in typische Figurationen differenzieren (König / Stathi 2010): Gerichtetheit (adressiert / nicht-adressiert), Referenzsubjekte (gerichtet gegen Individuen oder Angehörige einer Gruppe), Konventionalität der Mittel (konventionalisierte vs. tabuisierte oder artifizielle Formen), Vermitteltheit (direkt vs. indirekt), Beziehungen zwischen Sprecher/in und Adressat/in (Symmetrie / Asymmetrie), Anwesenheit eines Publikums (öffentlich / nicht-öffentlich), Wahrheitsbezug (Referenz auf begründbare Wahrheiten / als unbegründete Vorwürfe), Iteration (Wiederholung / Einmaligkeit), Art und Weise der Realisierung (Performanz vs. Unterlassung). Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie haben differenzierte, teils überlappende Ansätze zur Konzeptualisierung des Phänomenbereichs entwickelt.

Sprachliche Gewalt kann als universelles Phänomen, als Kehrseite der ordnungsstiftenden Kraft von Sprache verstanden werden. Jede Zuschreibung und jede Appellation ist ein Akt der Gewalt, wenn auch ein Akt, dessen Gewaltsamkeit zunächst keiner moralischen Beurteilung unterliegt. Diese Gewalt freilich ist Bedingung der Möglichkeit des Sprechens und damit stets vorethisch.

Schimpfwörter als sprachliche Mittel der Beleidigung und Herabsetzung werden längst nicht mehr als lexikalische Einheiten aufgefasst, die per se die Funktion haben, den Adressierten Merkmale mit negativer Konnotation zuzuschreiben, sondern als Ausdrücke mit idiomatischer Prägung (Feilke 1996), die sich ihrer Verwendung in typisierten kommunikativen Kontexten, Situationen und Funktionen verdankt. Das invektive Potenzial sprachlicher Ausdrücke ist daher das Produkt situativer und gesellschaftlicher Kontexte sowie habitualisierter und ritualisierter Interaktionen.

Sprachliche Gewalt kann als Sprechakt im Sinne Austins aufgefasst werden. Das Äußern von Wörtern ist demnach intentionales Handeln. Damit Äußerungen gelingen, müssen sie einem sozialen Schema folgen, das u.a. soziale Rollen und Vorstellungen von institutioneller Autorität und Geltung einschließt. Äußerungen sprachlicher Gewalt müssen also institutionalisierte und ritualisierte Verfahren realisieren. Damit sich die intendierte performative Kraft entfalten und perlokutionäre Effekte eintreten können, ist die Ratifizierung durch Adressierte und ggf. auch als Zeugen fungierende Dritte notwendig.

Einige Formen Sprachliche Gewalt können auch als Unhöflichkeit (Bousfield 2008) konzeptualisiert werden. Zentraler Anker dieser Theorien ist der Face-Begriff von Goffman (1967): In der Interaktion sind die an ihr Beteiligten normalerweise darum bemüht, die Verhaltensstrategien der anderen Interaktandinnen und Interaktanden zu billigen und zu unterstützen und ihnen so ein konsistentes Selbstbild und damit einen positiven sozialen Wert zuzuweisen. Sprachliche Gewalt besteht in dieser Perspektive darin, die Verhaltensstrategien der Interaktionspartner zu durchkreuzen oder explizit zu negieren.

Postsouveräne Subjektauffassungen lenken den Blick stärker auf die Produktionsbedingungen sprachlich-gewaltsamer Äußerungen. Damit geraten auch Arten invektiven Sprechens in den Fokus des Interesses, die auf Gruppen bezogen und über Gruppenzuschreibungen motiviert sind.

In Butlers (2006) Theorie der Hassrede (Hate Speech) ist Sprechen zentrales Medium der Subjektivierung. Subjekte handeln in dem Maße, wie sie in einem sprachlichen Feld konstituiert sind, das von sprachlichen (Un-)Möglichkeitsräumen begrenzt wird. Sprechen ruft damit immer strukturelle Herrschaftsverhältnisse auf, schreibt sie wieder ein und rekonstruiert damit die strukturelle Herrschaft. Sprachliche Gewalt als Hatespeech ist in dieser Lesart die Konstitution eines (marginalisierten) Subjektes durch diskursive Mittel.

Lann Hornscheidt (2013) verortet die Möglichkeit diskriminierenden Sprechens in einem Dispositiv transdependenter Machtverhältnisse, das strukturelle Diskriminierung hervorbringt. Diskursive Diskriminierungen sind demnach durch ein Dispositiv gerahmt, das die Möglichkeitsbedingungen für diese Formen diskursiver Diskriminierungen bereitstellt. Macht wird dabei vor allem als die Möglichkeit, Normalitätsvorstellungen zu generieren, aufgefasst und korreliert mit der Verteilung von Ressourcen, seien es symbolische oder materielle. Diskriminierung ist entsprechend nicht nur ein Akt persönlicher Intentionen und Verletzbarkeiten, sondern vor allem konstituierendes Merkmal sozialer Strukturen.

Um dem breiten Spektrum des eingangs beschriebenen Paradoxons einer gleichzeitig normstiftenden wie -überschreitenden Wirkung von Herabsetzungen und sprachlicher Aggression in ausreichendem Maße habhaft zu werden, wird im vorliegenden Band ein breiter Phänomenbereich in den Blick genommen. Ausgehend von den skizzierten Großtheorien sollen zum einen die sprachlichen Realisierungsformen von Entwertungen beschreiben und analysiert und zum anderen die Effekte, die sich daraus für Einzelne, Gruppen und die soziale Ordnung ergeben, reflektiert werden.

Joachim Scharloth (Tokyo) perspektiviert in seinem Beitrag sprachliche Herabwürdigungen als Ressource für das Reflexivwerden gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen und damit als möglichen Auslöser gesellschaftlichen und kulturellen Wandels. Er geht davon aus, dass das invektive Potenzial von sprachlichen Formen und Praktiken das Ergebnis von expliziten Zuschreibungen ist, wobei die Zuschreibungen selbst auch invektiv gedeutet werden können. An Beispielen der 68er-Bewegung illustriert er, wie durch inszeniertes invektives Handeln metainvektive Debatten ausgelöst und Invektiven so ein Medium des Politischen werden können.

Indirekte Formen sprachlicher Aggression stehen im Fokus des Beitrags von Joanna Szczęk (Wrocław). Die Autorin beleuchtet dies am Beispiel der Kategorien der (Un)Höflichkeit, die als Instrumente der latenten Formen der sprachlichen Herabsetzung betrachtet werden. Es wird zugleich ein Versuch unternommen, einen Katalog der verdeckten Formen aggressiven Sprechens zu entwerfen.

Formen rationaler Argumentation, die als Formen der Verschleierung verbaler Aggression genutzt werden, sind Gegenstand der Analyse von Holger Kuße (Dresden). Der Verfasser analysiert das an Beispielen aus dem Ukrainekonflikt. Die Studie bietet einen Blick auf aggressive Argumente, aufgrund derer Argumentationen selbst aggressive Handlungen darstellen.

Im Mittelpunkt der Studie von Marcelina Kałasznik (Wrocław) stehen pejorative Metaphern im Flüchtlingsdiskurs. Die empirische Basis stellen Komposita mit dem Erstglied Flüchtling dar. Die Analyse konzentriert sich auf die Beantwortung der Fragen, worin die diskurslinguistische Relevanz der analysierten metaphorischen Zusammensetzungen besteht, und inwieweit sie herabsetzend wirken und wodurch sie ihren abwertenden Charakter entfalten.

Symbolische Gewalt kondensiert sich häufig in konkreten Sprachhandlungen als Beleidigung, Herabsetzung oder Entwertung, jedoch wird das invektive Potenzial solcher Äußerungen erst dann gesellschaftlich wirksam, wenn deren Geltungsanspruch durch eine narrative Struktur legitimiert wird. In besonderem Maße kann dabei das politische Programm fundamentaloppositioneller Parteien oder Gruppen als legitimatorische Instanz für gewaltbereites Sprechen und/oder Handeln fungieren. Im Beitrag „Narrative Legitimation invektiven Sprechens in der Politik“ von Fabian Klinker (Dresden) werden am Beispiel politischer Reden Adolf Hitlers korpuslinguistisch typische nationalsozialistische Erzählmuster beschrieben, die als konstitutiv für herabsetzendes und entwertendes Sprechen gelten können.

Invektivitätspotenzial der olfaktorischen Lexeme Stinker / Stänkerer im Deutschen und śmierdziel / śmierdziuch im Polnischen wird im Beitrag von Przemysław Staniewski (Wrocław) analysiert. Ausgehend von den Wörterbuchdefinitionen werden Beispiele aus den Korpora (DeReKo, NKJP) angeführt, anhand derer zusätzliche semantische Komponenten der analysierten Lexeme ermittelt werden und die bezeugen, dass die Geruchswörter über das Invektvitätspotenzial sowohl auf der wörtlichen, d.h. perzeptuellen, als auch auf der metaphorischen Ebene verfügen.

Die dramatischen Tragödien um terroristische Gewaltakte sind dieser Tage omnipräsent in der Medienberichterstattung. Gerade dort etabliert sich der Terrorismus neben seiner ursprünglich physischen Dimension jedoch auch als Kommunikationsstrategie, welche im Medium kollektiv induzierter Angst als eine Form der kulturellen Herabsetzung interpretiert werden kann. Die theoretische Ausdifferenzierung dieser gesellschaftlich sehr wirksamen Spielart symbolischer Gewalt wird im Beitrag „Die Angst vor Terrorismus. Emotionen in Folge von kollektiver Herabsetzung“ von Christopher Georgi (Dresden) empirisch anhand einer korpuslinguistischen Studie zur Funktionsweise der Angstkommunikation im medialen Terrorismusdiskurs nachvollzogen.

Der Beitrag „Entwertungs-Handlungen im Zuge diskursiver Radikalisierung – 'Wir sind auf verschiedenen Seiten der Barrikade'“ von Michaela Schnick (Dresden) führt das Konzept der diskursiven Radikalisierung ein, das von einer zunehmenden Entfernung von Akteur_innen-Positionen ausgeht, die anhand von topischen Strukturen und im Speziellen durch Entwertungs-Handlungen am Beispiel von Maischberger-Sendungen untersucht werden. Radikalisierung wird insofern als sprachliche Gewalt verstanden, als dass die am Radikalisierungsprozess beteiligten diskursiven Positionen potenziell verdrängt bzw. angegriffen werden.

Mihael Svitek unternimmt mit dem Beitrag „Der Ideologievorwurf“ den Versuch einer linguistischen Erstbeschreibung eines Phänomens sprachlicher Gewalt, welches zwar eher diffus und wenig offensichtlich zutage tritt, aber gerade im politischen Diskurs als gängige Argumentationspraxis eine enorme Wirkmächtigkeit erzeugt, indem es im öffentlichen Raum politischen Gegnern unter dem Verdacht ideologischer Befangenheit von vornherein eine relevante realweltliche Bezugnahme abspricht. Anhand eines Korpus von Redeprotokollen des Bundestags der 17. Legislaturperiode (2009-2013) werden in einer empirischen Analyse diverse Formen und Funktionen des Ideologievorwurfs im parteilichen Vergleich analysiert.

Verschwörungstheorien stützen sich auf alternative Wissensbestände, die es gegen gängige, sozial anerkannte Erklärungsmodelle und Wirklichkeitsbestimmungen zu etablieren und zu verteidigen gilt. Im Zuge dessen wird ein dualistisches Weltbild aufgebaut, in dem die Gegenseite als gefährlich und unehrlich dargestellt und somit entwertet wird. Wie sich diese und andere Strategien auf einer sprachlichen Ebene manifestieren, untersuchen Josephine Obert und Franz Keilholz (Dresden) mit Hilfe vergleichender korpuslinguistischer Verfahren in ihrem Beitrag „Wahrheitsoperationen bei 'alternativen Fakten': Verschwörungstheoretische Strategien zur Abwertung von Autoritäten im Medium der Sprache“.

„Pluralisierung als Relativierung von Wahrheit im ‚Informationskrieg’” lautet der Titel der Studie von Judith Felten (Dresden). Auf der Basis eines framesemantischen Vergleichs von Russia Today Deutschland und tagesschau.de wird gezeigt, dass durch das Aufzeigen immer neuer, alternativer Deutungen einzelner Fakten Wahrheit als regulative Idee entwertet wird.

Die hier versammelten Texte sollen dazu beitragen, eine Perspektive auf Praktiken sprachlicher Herabsetzung und Entwertung zu entwickeln, die nicht in der Semantik von Täter und Opfer, gut und schlecht, akzeptabel oder unschicklich aufgeht. Vielmehr soll der primär sprachkritische Blick durch eine Perspektive erweitert werden, in der invektives Handeln als fundamentaler Modus gesellschaftlicher Kommunikation einen wichtigen Beitrag zur Konsolodierung und/oder Dynamisierung sozialer, kultureller und diskursiver Ordnung leistet.

Literatur

  • Bousfield, Derek (2008): Impoliteness in Interaction. Amsterdam: John Benjamins.
  • Butler, Judith (2006): Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Feilke, Helmuth (1996): Sprache als soziale Gestalt. Ausdruck, Prägung und die Ordnung der sprachlichen Typik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Goffman, Erving (1967): Interaction ritual. Essays in face-to-face behavior. Chicago: Aldine.
  • Hornscheidt, Lann (2013): Der Hate Speech-Diskurs als Hate Speech: Pejorisierung als konstruktivistisches Modell zur Analyse diskriminierender Sprach_handlungen. In: Meibauer, Jörg (Hrsg.): Hate Speech/Hassrede. Interdisziplinäre Beiträge des gleichnamigen Workshops, Mainz 2009. Linguistische Untersuchungen. Gießener elektronische Bibliothek. S. 29-58. Online: Online
  • König, Ekkehard / Stathi, Katarina (2010): Gewalt durch Sprache: Grundlagen und Manifestationen. In: Krämer, Sybille / Koch, Elke (Hrsg.): Gewalt in der Sprache. Rhetoriken verletzenden Sprechens. München: Wilhelm Fink Verlag. S. 45-59
  • Krämer, Sybille (2007): Sprache als Gewalt oder: Warum verletzen Worte? In: Herrmann, Steffen Kitty / Krämer, Sybille / Kuch, Hannes (Hrsg.): Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung, Edition Moderne Postmoderne. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 31–48.
  • Kuch, Hannes (2010): Austin – Performative Kraft und sprachliche Gewalt. In: Kuch, Hannes / Herrmann, Steffen Kitty (Hrsg.): Philosophien sprachlicher Gewalt. 21 Grundpositionen von Platon bis Butler. Weilerswist. S. 219-240.

Kategorie: Publikationen; Keywords: Hassrede, Hate Speech, Beleidigung, Herabwürdigung, sprachliche Gewalt

Hassrede in Japan
Japan gibt sich ein Gesetz gegen Hate Speech
von josch am 2016-09-29

Am 25. Mai verabschiedete das Japanische Parlament ein "Gesetz zur Förderung von Anstrengungen zur Beseitigung diskriminierender Rede und diskriminierenden Verhaltens gegen Personen, die nicht aus Japan stammen" ("Act on the Promotion of Efforts to Eliminate Unfair Discriminatory Speech and Behavior against Persons Originating from Outside Japan"), das seit dem 3. Juni 2016 in Kraft ist. Wie der Name des Gesetzes schon sagt, stellt das Gesetz Hate Speech nicht unter Strafe, will aber Maßnahmen befördern, die das Auftreten von Hate Speech dokumentieren, das Bewusstsein in der Bevölkerung durch pädagogische Maßnahmen und Kampagnen heben und Institutionen auf lokaler Ebene schaffen, die Beschwerden über diskriminierende Äußerungen und Schlichtung von Konflikten ermöglichen.

Während der ursprüngliche Gesetzentwurf der Liberaldemokraten (LDP) die Definition von Hate Speech auf Drohungen beschränkte, die sich gegen den Körper, das Leben oder die Freihet von Nicht-Japanern richten, sowie auf verhetzende Äußerungen, die die Exklusion und Herabwürdigung von Nicht-Japanern beinhalten, wurde der Begriff auf Drängen der Demokratischen Partei (DPJ) auch auf stark provozierende Beleidigungen ("egregious insults") der nicht-japanischen Bevölkerung ausgedehnt. Im Wortlaut der offiziellen englischen Übersetzung:

In this Act, "unfair discriminatory speech and behavior against persons originating from outside Japan" shall mean unfair discriminatory speech and behavior to incite the exclusion of persons originating exclusively from a country or region other than Japan or their descendants and who are lawfully residing in Japan (hereinafter referred to in this Article as "persons originating from outside Japan") from the local community by reason of such persons originating from a country or region other than Japan, such as openly announcing to the effect of harming the life, body, freedom, reputation or property of, or to significantly insult, persons originating from outside Japan with the objective of encouraging or inducing discriminatory feelings against such persons originating from outside Japan.

Anlass für die Erarbeitung des Gesetzes waren die sich seit 2012 mehrenden Kundgebungen von Ultranationlisten, darunter auch der Zaitokukai, die teilweise in koreanisch geprägten Stadtteilen wie Shin-Okubo in Tokyo oder Tsuruhashi in Osaka stattfanden. Schon 1995 hatte Japan die UN-Rassendiskriminierungskonvention ratifziert, musste sich jedoch vom UN-Sonderberichterstatter für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit 2005 vorwerfen lassen, dem Problem des Rassismus nicht mit dem gebotenen politischen Engagement zu begegnen. Japan wurde von der UN mehrfach aufgefordert, ein Anti-Diskriminierungsgesetz zu verabschieben. Auch vor diesem Hintergrund muss die Verabschiedung des Gesetzes gesehen werden.

Gegen die Interpretation, nach der nur nicht gerechtfertigte ("unfair") diskriminierende Rede verboten sei, wenden sich beide Kammern des Japanischen Parlaments in einer ergänzenden Feststellung:

The interpretation of Article 2 of this Act that certain form of discriminatory speech and behavior may be allowed as long as it is not the "unfair discriminatory speech and behavior against persons originating from outside Japan" is not correct, and any form of discriminatory speech and behavior shall be appropriately dealt with in view of the intent of this Act, and the spirit of the Japanese Constitution and the International Convention on the Elimination of All Forms of Racial Discrimination.

Verglichen mit dem, was die Kampagne der deutschen Regierung gegen Hate Speech im Netz auslöste, nimmt sich die Kritik in Japan eher bescheiden aus. Neben der Tatsache, dass das Gesetz Hate Speech nicht strafrechtlich verfolgbar macht, ist es vor allem die Beschränkung seiner Gültigkeit auf Menschen, die sich legal in Japan aufhalten ("who are lawfully residing in Japan"), die Kritiker unter den Befürwortern eines Anti-Hate-Speech-Gesetzes auf den Plan ruft. Von der Gegenseite wird das Gesetz als Form der staatlichen Einflussnahme auf den öffentlichen Diskurs und als Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung verunglimpft.

Die japanische Regierung hat indes neben anderem Material ein Video veröffentlicht, das die schädliche Wirkung von Hate Speech und anderen Formen der Diskriminierung aufzeigt und die Bevölkerung sensibiliseren soll. Auch PEGIDA kommt darin vor:



Der Bürgermeister von Osaka, Toru Hashimoto, hat sich vor einiger Zeit den Kritikern seiner Anti-Hate-Speech-Politik gestellt. Mit dem Vorsitzenden der Zaitokukai, Makoto Sakurai, lieferte er sich ein Rededuell, in dem die Kontrahenten nach kürzestert Zeit jede Höflichkeitsform beiseite ließen. Die Aggression ging dabei von Sakurai aus.



Ein Beleg, dass es sich nicht lohnt, mit Menschen über eine inklusive Gesellschaft und sprachliche Sensibilität zu streiten, die mit Hate Speech Politik machen - nicht einmal in einem Land mit einer Höflichkeitskultur wie Japan.

Kategorie: Gesellschaft, Recht; Keywords: Hate Speech, Hassrede, Herabwürdigung, Japan, Gesetze