Zuschrift: Debattenkultur
Brauchen wir eindeutige Definitionen?
von josch am 2018-09-17

Von Zeit zu Zeit erreichen den Betreiber dieses Blogs Zuschriften von Leserinnen und Lesern. Meistens handelt es sich um Meinungsbeiträge, die sich auf die Kompetenz und den Charakter des Betreibers richten. Solche Zuschriften lege ich gerne im Ordner "Beleidigungen / Beispiele" ab und verwende sie dann anonymisiert in Lehrveranstaltungen zur Freude der Studierenden. Andere Zuschriften zeigen echtes Interesse und ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die sich mit dem Thema so intensiv beschäftigen, dass sie - wie ich auch - echten Klärungsbedarf haben. Nicht immer komme ich dazu, sofort zu antworten. Die Antwort auf die letzte Zuschrift poste ich aber gerne im Blog, weil sie einige sehr interessante Fragen aufwirft.

1) Obwohl wir uns im 21. Jahrhundert befinden und das Diskutieren durch die (auch sozialen) Medien irrwitzige Dimensionen erreicht hat, sind wir m.E. mit unserer Kommunikationskultur eher ins Mittelalter zurückgefallen. Wie kann man eigentlich adäquat diskutieren, wenn Begriffe wie "Populismus", "rechts", "links", "Hass", "Hassrede", etc. nicht eindeutig (!!!) vorher definiert werden? Und damit meine ich EINE Definition nicht von 29 "Experten". Wie soll da eine sachliche Auseinandersetzung zustande kommen, wenn man dadurch meistens über 2 verschiedene Dinge redet?

Die Bedeutung von Wörtern kann man meiner Meinung nacht nicht ein für alle Mal und für alle verbindlich festlegen, zumindest nicht in einer Sprache, die täglich benutzt wird. Ohne jetzt allzu sprachtheoretisch werden zu wollen: Ohne eine gewisse Flexibilität in der Bedeutung und ohne die unscharfen Grenzen könnten wir Wörter gar nicht auf neue Sachverhalte anwenden. Selbst im Bereich des Rechts kann man die Bedeutung von Ausdrücken zwar bis zu einem gewissen Grad festschreiben, es bedarf aber immer noch der Rechtsprechung, um zum Beispiel zu klären, mit welchem Begriff ein bestimmter Sachverhalt adäquat gefasst wird. So ist der Unterschied zwischen Mord und Totschlag in §211f StGB zwar einigermaßen deutlich bestimmt (wobei es natürlich Auslegungssache und damit ein Ergebnis von Rechtsprechung ist, was "niedrige Beweggründe" sind), ob in einem konkreten Fall das eine oder andere vorliegt, ist damit aber immer noch nicht klar und Gerichte können diesbezüglich zu unterschiedlichen Urteilen kommen. Auch in der Wissenschaft betrachten wir Begriffe als Instrumente, mit denen wir die Wirklichkeit erschließen. Und das Ringen um jene Definition, die das am besten tut, ist nicht unabhänhig von dem Zweck, den man mit der eigenen Forschung verfolgt. Deshalb macht man in wissenschaftlichen Publikationen normalerweise die Forschungsinteressen transparent und erklärt in Auseinandersetzung mit anderen, bisher vorgeschlagenen Definitionen, warum man sich für welche Definition eines Begriffs entscheidet. Aber in der Wissenschaft verläuft die Diskussion meistens einigermaßen sachlich. Das dürfte vor allem daran liegen, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bestimmte Grundüberzeugungen teilen und sich auf bestimmte Verfahren verpflichtet fühlen. Im Umkehrschluss ist es vielleicht so, dass die Diskussionen deshalb so sehr aus dem Ruder laufen, weil gesellschaftlich dieser Konsens nicht mehr für alle Geltung zu haben oder auch nur erstrebenswert zu sein scheint. Dazu mehr in meiner Antwort auf Frage 3.

2) Sind Sie nicht auch der Meinung, man bräuchte ein (nennen wir's mal) Definitionsbuch, wo Begriffe eindeutig für Diskussionen definiert werden, um eine qualitative (politische) Diskussion zu gewährleisten, die nicht das Geschmäckle von sich streitenden Steinzeitmenschen hat?

Ein festes Definitionsbuch hieße, dass es eine herrschende Semantik gibt, die jede bzw. jeder anzuerkennen habe. Das wird so nicht funktionieren. Gerade in politischen Fragen ist jeder Begriff ein Medium, die Welt so zu beschreiben, wie es den eigenen politischen Ansichten entspricht. Deshalb ist jede Diskussion um Worte auch eine Frage, wie die Wirklichkeit verfasst ist. Und jeder politische Akteur möchte gerne seine Sprachregelung durchsetzen und für alle verbindlich machen - und mit ihr seine Interpretation der Welt. "Hetzjagd" oder "Jagdsezenen" oder "verständliche Reaktion trauernder Bürger", "Betreuungsgeld" oder "Herdprämie", "beispielloser Völkermord" oder "Fliegenschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte" konstruieren jeweils den Sachverhalt auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen. Wenn Sie so wollen: Menschen, die die eine oder andere Bezeichnung benutzen, reden auch tatsächlich über zwei verschiedene Dinge, wie Sie es in Frage 1 genannte haben, Und jede Bezeichnung legitimiert andere politische Maßnahmen oder fordert geradezu dazu auf. Solche Bezeichnungskonkurrenzen verweisen auf grundlegende Differenzen in der Konstruktion von Wirklichkeiten und treten in gleicher Weise auf, wenn man versucht, Dinge zu definieren. Über Begriffe zu diskutieren, wird uns wohl nicht erspart bleiben. Denn es geht dabei um viel mehr als um Worte.

3) Sind Sie nicht auch der Meinung, bzw. wie finden Sie es, wenn politische Diskussionen mit festen Regeln (Sprechzeit, Ausreden lassen, etc.) geführt werden?

Um eine Diskussionskultur wie unter Steinzeitmenschen (obwohl: vielleicht waren die ja viel gesitteter, als wir uns ausmalen) zu verhindern, können Regeln sicher hilfreich sein. Das können formale Regeln sein oder auch diskursethische (wie eine Verpflichtung auf Rationalität, Konsensorientierung, Gemeinwohlorientierung etc.). Allerdings zeigt die Geschichte, dass das Durchbrechen von solchen Gesprächsordnungen immer auch ein Mittel der politischen Auseinandersetzung ist, insbesondere von jenen, die glauben, keine Stimme zu haben und sich gegen einen übermächtigen Gegner behaupten zu müssen. So war es bei den 68ern, am Anfang bei den Grünen, so ist es heute bei den meisten Populisten, die sich nach Ansicht von Politikwissenschaftlern "parasitär" zu den Regeln des demokratischen Diskurses verhalten (man denke nur an die zahlreichen Unwahrheiten, die Trump in seiner Amtszeit schon verbreitet hat, und seinen Kommunikationsstil). Ich denke, wir müssen uns damit abfinden, dass ein Teil des politischen Spektrums sich davon verabschiedet hat, einen Konsens suchen zu wollen und eingestandenermaßen von der Revolution träumt. Entsprechend rechne ich nicht damit, dass sich dieser Teil auf einen Konsens zu einer geregelten politischen Auseinandersetzung verpflichten ließe, noch sich an einer ernst gemeinten Suche nach einem solchen Konsens beteiligen würde.

4) Nach Ihrer Definition von "Hassrede" wäre der Tatbestand erfüllt, wenn man jeden, der bei PEGIDA mitläuft oder Mitglied der AfD ist, als "Nazi" oder "Rechtspopulisten" stigmatisiert bzw. tituliert.

Ist die Titulierung von Personen als "Nazi" oder "Rechtspopulist" nach "meiner" Definition Hassrede? Ich glaube, da verstehen Sie mich falsch. Ich schreibe: "Im Unterschied zu anderen Formen der Hearbwürdigung liegt Hate Speech dann vor, wenn die Herabwürdigung ihre herabwürdigende Kraft daraus bezieht, dass eine Person als Vertreterin einer Gruppe adressiert wird und ihr negative Eigenschaften zugeschrieben werden, die dieser Gruppe vermeintlich kollektiv, universell und unveränderbar zukommen." Entscheidend ist der letzte Teil der Bestimmung: Wenn ich einer Person, weil sie schwarze Hautfarbe hat oder in einem Maghreb-Staat geboren wurde und aufgewachsen ist, nur wegen ihres Aussehens oder ihrer Herkunft per se negative Eigenschaften zuschreibe, dann ist das nach meiner Meinung und nach der vieler Kolleginnen und Kollegen Hate Speech. Denn weder legen Aussehen oder Herkunft Menschen auf irgend etwas fest, noch liegt es in der Hand der Bezeichneten, an ihrer Herkunft oder ihrem Aussehen etwas zu ändern - sie sind nicht dafür verantwortlich. Anders ist es bei Menschen, die Mitglieder der AfD sind oder bei PEGIDA mitlaufen. Sie können sehr wohl etwas dafür, denn sie haben sich in einem Akt freien Willens dazu entschieden, mitzulaufen, mitzurufen und mitzuklatschen oder der Partei beizutreten, regelmäßig einen Mitgliedsbeitrag zu bezahlen, an Diskussionsabenden und Stammtischen teilzunehmen und womöglich für die Anliegen der Partei zu werben. Und sie machen sich damit auch die Positionen zu eigen, die in den Reden und Transparenten (im Fall von PEGIDA) und in den Programmen und Pressmitteilungen (im Fall der AfD) vertreten werden. Die Zuschreibung "Rechtspopulist" oder "Nazi" erfolgt also nicht auf der Basis unverseller oder unveränderbarer Eigenschaften. Daher handelt es sich aus meiner Sicht nicht um Hate Speech. Natürlich wollen die, die andere als "Nazi" bezeichnen, diese herabwürdigen und ausgrenzen und viele empfinden es als beleidigend, wenn sie als Nazis bezeichnet werden. Aber nicht jede Herabwürdigung und Ausgrenzung ist Hate Speech.

Mit Dank an M. G. aus E. für die anregenden Fragen.

Kategorie: Zuschriften, Meta, Definitionen; Keywords: Hassrede, Hate Speech, Beleidigung, Herabwürdigung, Nazi, Rechtspopulismus

Neuerscheinung: "Sprachliche Gewalt"
Ein Band zu Formen und Effekten von Pejorisierung, verbaler Aggression und Hassrede
von josch am 2018-09-19

Zusammen mit Fabian Klinker und Joanna Szczęk habe ich ein Buch zum Thema "Sprachliche Gewalt" beim Metzler Verlag herausgegen. Die vollständige bibliographische Angabe lautet:

Klinker, Fabian / Joachim Scharloth / Joanna Szczęk (Hrsg.) (2018): Sprachliche Gewalt. Formen und Effekte von Hassrede, Pejorisierung und verbaler Aggression. Stuttgart: J.B. Metzler.

Im Folgenden dokumentiere ich das Editorial, das einen Überblick über die Beiträge gibt.

Editorial

Sprachliche Gewalt, Beleidigungen, Herabwürdigungen und zeichenhafte Aggressionen sind Normal- und zugleich Grenzfall menschlicher Kommunikation. Einerseits kennen alle vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaften Formen von Spott, Lästerung, Schmähung und Beschimpfung, die deshalb als ein ubiquitäres soziales Phänomen gelten und als eine grundlegende Dimension menschlicher Kommunikation und Interaktion verstanden werden dürfen. Andererseits stellen Praktiken der Entwertung und Herabsetzung einen Grenzfall der Kommunikation dar, insofern sie zumeist als Überschreitung des normalen Modus zwischenmenschlichen Umgangs aufgefasst werden; eine Normüberschreitung, die aber zugleich in besonderer Weise die Umrisse gesellschaftlicher „Normalität“ markiert. Gewalt verstehen wir dabei mit Sybille Krämer (2007: 36f) als Angriff auf den physischen und symbolischen Körper einer Person gleichermaßen. Mit Gewalt geht eine Veränderung der physischen oder sozialen Position einer Person einher, die vom Ziel des gewalttätigen Angriffs als schmerzhaft und verletzend aufgefasst wird, insofern der Angriff die Identität (im Sinne einer Positionierung im sozialen Raum) bedroht.

Im Unterschied zur physischen Gewalt kann sprachlich-symbolische Gewalt allerdings nicht aufgezwungen werden. Sie ist auf die Mitwirkung des Adressierten angewiesen, beruht jedoch ebenso auf der ratifizierenden, legitimierenden und autorisierenden Kraft, die von Dritten ausgeht (Kuch 2010: 234ff). So sind personale Dritte als Zeugen daran beteiligt, ein ambiges Geschehen als gewaltsam, ehrverletzend oder diskriminierend durch ihre Deutungen und ihr Verhalten zu disambiguieren. Dritte statten Sprecherinnen und Sprecher potenziell verletzender Worte zudem mit symbolischem Kapital aus, so dass sie im Namen Dritter sprechen können. Und schließlich sind Dritte insofern am invektiven Geschehen beteiligt, als sprachliche Herabsetzung in konventionalisierten Formen erfolgen muss, will sie gelingen, und eine Äußerung frühere Äußerungen Dritter aufruft und zitiert. Entsprechend ist sprachliche Gewalt nicht allein erklärbar als Folge der Intentionen von Sprecherinnen und Sprechern und ebenso wenig allein aus dem subjektiven Empfinden der adressierten Person.

Sprachliche Gewalt lässt sich anhand verschiedener Parameter in typische Figurationen differenzieren (König / Stathi 2010): Gerichtetheit (adressiert / nicht-adressiert), Referenzsubjekte (gerichtet gegen Individuen oder Angehörige einer Gruppe), Konventionalität der Mittel (konventionalisierte vs. tabuisierte oder artifizielle Formen), Vermitteltheit (direkt vs. indirekt), Beziehungen zwischen Sprecher/in und Adressat/in (Symmetrie / Asymmetrie), Anwesenheit eines Publikums (öffentlich / nicht-öffentlich), Wahrheitsbezug (Referenz auf begründbare Wahrheiten / als unbegründete Vorwürfe), Iteration (Wiederholung / Einmaligkeit), Art und Weise der Realisierung (Performanz vs. Unterlassung). Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie haben differenzierte, teils überlappende Ansätze zur Konzeptualisierung des Phänomenbereichs entwickelt.

Sprachliche Gewalt kann als universelles Phänomen, als Kehrseite der ordnungsstiftenden Kraft von Sprache verstanden werden. Jede Zuschreibung und jede Appellation ist ein Akt der Gewalt, wenn auch ein Akt, dessen Gewaltsamkeit zunächst keiner moralischen Beurteilung unterliegt. Diese Gewalt freilich ist Bedingung der Möglichkeit des Sprechens und damit stets vorethisch.

Schimpfwörter als sprachliche Mittel der Beleidigung und Herabsetzung werden längst nicht mehr als lexikalische Einheiten aufgefasst, die per se die Funktion haben, den Adressierten Merkmale mit negativer Konnotation zuzuschreiben, sondern als Ausdrücke mit idiomatischer Prägung (Feilke 1996), die sich ihrer Verwendung in typisierten kommunikativen Kontexten, Situationen und Funktionen verdankt. Das invektive Potenzial sprachlicher Ausdrücke ist daher das Produkt situativer und gesellschaftlicher Kontexte sowie habitualisierter und ritualisierter Interaktionen.

Sprachliche Gewalt kann als Sprechakt im Sinne Austins aufgefasst werden. Das Äußern von Wörtern ist demnach intentionales Handeln. Damit Äußerungen gelingen, müssen sie einem sozialen Schema folgen, das u.a. soziale Rollen und Vorstellungen von institutioneller Autorität und Geltung einschließt. Äußerungen sprachlicher Gewalt müssen also institutionalisierte und ritualisierte Verfahren realisieren. Damit sich die intendierte performative Kraft entfalten und perlokutionäre Effekte eintreten können, ist die Ratifizierung durch Adressierte und ggf. auch als Zeugen fungierende Dritte notwendig.

Einige Formen Sprachliche Gewalt können auch als Unhöflichkeit (Bousfield 2008) konzeptualisiert werden. Zentraler Anker dieser Theorien ist der Face-Begriff von Goffman (1967): In der Interaktion sind die an ihr Beteiligten normalerweise darum bemüht, die Verhaltensstrategien der anderen Interaktandinnen und Interaktanden zu billigen und zu unterstützen und ihnen so ein konsistentes Selbstbild und damit einen positiven sozialen Wert zuzuweisen. Sprachliche Gewalt besteht in dieser Perspektive darin, die Verhaltensstrategien der Interaktionspartner zu durchkreuzen oder explizit zu negieren.

Postsouveräne Subjektauffassungen lenken den Blick stärker auf die Produktionsbedingungen sprachlich-gewaltsamer Äußerungen. Damit geraten auch Arten invektiven Sprechens in den Fokus des Interesses, die auf Gruppen bezogen und über Gruppenzuschreibungen motiviert sind.

In Butlers (2006) Theorie der Hassrede (Hate Speech) ist Sprechen zentrales Medium der Subjektivierung. Subjekte handeln in dem Maße, wie sie in einem sprachlichen Feld konstituiert sind, das von sprachlichen (Un-)Möglichkeitsräumen begrenzt wird. Sprechen ruft damit immer strukturelle Herrschaftsverhältnisse auf, schreibt sie wieder ein und rekonstruiert damit die strukturelle Herrschaft. Sprachliche Gewalt als Hatespeech ist in dieser Lesart die Konstitution eines (marginalisierten) Subjektes durch diskursive Mittel.

Lann Hornscheidt (2013) verortet die Möglichkeit diskriminierenden Sprechens in einem Dispositiv transdependenter Machtverhältnisse, das strukturelle Diskriminierung hervorbringt. Diskursive Diskriminierungen sind demnach durch ein Dispositiv gerahmt, das die Möglichkeitsbedingungen für diese Formen diskursiver Diskriminierungen bereitstellt. Macht wird dabei vor allem als die Möglichkeit, Normalitätsvorstellungen zu generieren, aufgefasst und korreliert mit der Verteilung von Ressourcen, seien es symbolische oder materielle. Diskriminierung ist entsprechend nicht nur ein Akt persönlicher Intentionen und Verletzbarkeiten, sondern vor allem konstituierendes Merkmal sozialer Strukturen.

Um dem breiten Spektrum des eingangs beschriebenen Paradoxons einer gleichzeitig normstiftenden wie -überschreitenden Wirkung von Herabsetzungen und sprachlicher Aggression in ausreichendem Maße habhaft zu werden, wird im vorliegenden Band ein breiter Phänomenbereich in den Blick genommen. Ausgehend von den skizzierten Großtheorien sollen zum einen die sprachlichen Realisierungsformen von Entwertungen beschreiben und analysiert und zum anderen die Effekte, die sich daraus für Einzelne, Gruppen und die soziale Ordnung ergeben, reflektiert werden.

Joachim Scharloth (Tokyo) perspektiviert in seinem Beitrag sprachliche Herabwürdigungen als Ressource für das Reflexivwerden gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen und damit als möglichen Auslöser gesellschaftlichen und kulturellen Wandels. Er geht davon aus, dass das invektive Potenzial von sprachlichen Formen und Praktiken das Ergebnis von expliziten Zuschreibungen ist, wobei die Zuschreibungen selbst auch invektiv gedeutet werden können. An Beispielen der 68er-Bewegung illustriert er, wie durch inszeniertes invektives Handeln metainvektive Debatten ausgelöst und Invektiven so ein Medium des Politischen werden können.

Indirekte Formen sprachlicher Aggression stehen im Fokus des Beitrags von Joanna Szczęk (Wrocław). Die Autorin beleuchtet dies am Beispiel der Kategorien der (Un)Höflichkeit, die als Instrumente der latenten Formen der sprachlichen Herabsetzung betrachtet werden. Es wird zugleich ein Versuch unternommen, einen Katalog der verdeckten Formen aggressiven Sprechens zu entwerfen.

Formen rationaler Argumentation, die als Formen der Verschleierung verbaler Aggression genutzt werden, sind Gegenstand der Analyse von Holger Kuße (Dresden). Der Verfasser analysiert das an Beispielen aus dem Ukrainekonflikt. Die Studie bietet einen Blick auf aggressive Argumente, aufgrund derer Argumentationen selbst aggressive Handlungen darstellen.

Im Mittelpunkt der Studie von Marcelina Kałasznik (Wrocław) stehen pejorative Metaphern im Flüchtlingsdiskurs. Die empirische Basis stellen Komposita mit dem Erstglied Flüchtling dar. Die Analyse konzentriert sich auf die Beantwortung der Fragen, worin die diskurslinguistische Relevanz der analysierten metaphorischen Zusammensetzungen besteht, und inwieweit sie herabsetzend wirken und wodurch sie ihren abwertenden Charakter entfalten.

Symbolische Gewalt kondensiert sich häufig in konkreten Sprachhandlungen als Beleidigung, Herabsetzung oder Entwertung, jedoch wird das invektive Potenzial solcher Äußerungen erst dann gesellschaftlich wirksam, wenn deren Geltungsanspruch durch eine narrative Struktur legitimiert wird. In besonderem Maße kann dabei das politische Programm fundamentaloppositioneller Parteien oder Gruppen als legitimatorische Instanz für gewaltbereites Sprechen und/oder Handeln fungieren. Im Beitrag „Narrative Legitimation invektiven Sprechens in der Politik“ von Fabian Klinker (Dresden) werden am Beispiel politischer Reden Adolf Hitlers korpuslinguistisch typische nationalsozialistische Erzählmuster beschrieben, die als konstitutiv für herabsetzendes und entwertendes Sprechen gelten können.

Invektivitätspotenzial der olfaktorischen Lexeme Stinker / Stänkerer im Deutschen und śmierdziel / śmierdziuch im Polnischen wird im Beitrag von Przemysław Staniewski (Wrocław) analysiert. Ausgehend von den Wörterbuchdefinitionen werden Beispiele aus den Korpora (DeReKo, NKJP) angeführt, anhand derer zusätzliche semantische Komponenten der analysierten Lexeme ermittelt werden und die bezeugen, dass die Geruchswörter über das Invektvitätspotenzial sowohl auf der wörtlichen, d.h. perzeptuellen, als auch auf der metaphorischen Ebene verfügen.

Die dramatischen Tragödien um terroristische Gewaltakte sind dieser Tage omnipräsent in der Medienberichterstattung. Gerade dort etabliert sich der Terrorismus neben seiner ursprünglich physischen Dimension jedoch auch als Kommunikationsstrategie, welche im Medium kollektiv induzierter Angst als eine Form der kulturellen Herabsetzung interpretiert werden kann. Die theoretische Ausdifferenzierung dieser gesellschaftlich sehr wirksamen Spielart symbolischer Gewalt wird im Beitrag „Die Angst vor Terrorismus. Emotionen in Folge von kollektiver Herabsetzung“ von Christopher Georgi (Dresden) empirisch anhand einer korpuslinguistischen Studie zur Funktionsweise der Angstkommunikation im medialen Terrorismusdiskurs nachvollzogen.

Der Beitrag „Entwertungs-Handlungen im Zuge diskursiver Radikalisierung – 'Wir sind auf verschiedenen Seiten der Barrikade'“ von Michaela Schnick (Dresden) führt das Konzept der diskursiven Radikalisierung ein, das von einer zunehmenden Entfernung von Akteur_innen-Positionen ausgeht, die anhand von topischen Strukturen und im Speziellen durch Entwertungs-Handlungen am Beispiel von Maischberger-Sendungen untersucht werden. Radikalisierung wird insofern als sprachliche Gewalt verstanden, als dass die am Radikalisierungsprozess beteiligten diskursiven Positionen potenziell verdrängt bzw. angegriffen werden.

Mihael Svitek unternimmt mit dem Beitrag „Der Ideologievorwurf“ den Versuch einer linguistischen Erstbeschreibung eines Phänomens sprachlicher Gewalt, welches zwar eher diffus und wenig offensichtlich zutage tritt, aber gerade im politischen Diskurs als gängige Argumentationspraxis eine enorme Wirkmächtigkeit erzeugt, indem es im öffentlichen Raum politischen Gegnern unter dem Verdacht ideologischer Befangenheit von vornherein eine relevante realweltliche Bezugnahme abspricht. Anhand eines Korpus von Redeprotokollen des Bundestags der 17. Legislaturperiode (2009-2013) werden in einer empirischen Analyse diverse Formen und Funktionen des Ideologievorwurfs im parteilichen Vergleich analysiert.

Verschwörungstheorien stützen sich auf alternative Wissensbestände, die es gegen gängige, sozial anerkannte Erklärungsmodelle und Wirklichkeitsbestimmungen zu etablieren und zu verteidigen gilt. Im Zuge dessen wird ein dualistisches Weltbild aufgebaut, in dem die Gegenseite als gefährlich und unehrlich dargestellt und somit entwertet wird. Wie sich diese und andere Strategien auf einer sprachlichen Ebene manifestieren, untersuchen Josephine Obert und Franz Keilholz (Dresden) mit Hilfe vergleichender korpuslinguistischer Verfahren in ihrem Beitrag „Wahrheitsoperationen bei 'alternativen Fakten': Verschwörungstheoretische Strategien zur Abwertung von Autoritäten im Medium der Sprache“.

„Pluralisierung als Relativierung von Wahrheit im ‚Informationskrieg’” lautet der Titel der Studie von Judith Felten (Dresden). Auf der Basis eines framesemantischen Vergleichs von Russia Today Deutschland und tagesschau.de wird gezeigt, dass durch das Aufzeigen immer neuer, alternativer Deutungen einzelner Fakten Wahrheit als regulative Idee entwertet wird.

Die hier versammelten Texte sollen dazu beitragen, eine Perspektive auf Praktiken sprachlicher Herabsetzung und Entwertung zu entwickeln, die nicht in der Semantik von Täter und Opfer, gut und schlecht, akzeptabel oder unschicklich aufgeht. Vielmehr soll der primär sprachkritische Blick durch eine Perspektive erweitert werden, in der invektives Handeln als fundamentaler Modus gesellschaftlicher Kommunikation einen wichtigen Beitrag zur Konsolodierung und/oder Dynamisierung sozialer, kultureller und diskursiver Ordnung leistet.

Literatur

  • Bousfield, Derek (2008): Impoliteness in Interaction. Amsterdam: John Benjamins.
  • Butler, Judith (2006): Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Feilke, Helmuth (1996): Sprache als soziale Gestalt. Ausdruck, Prägung und die Ordnung der sprachlichen Typik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Goffman, Erving (1967): Interaction ritual. Essays in face-to-face behavior. Chicago: Aldine.
  • Hornscheidt, Lann (2013): Der Hate Speech-Diskurs als Hate Speech: Pejorisierung als konstruktivistisches Modell zur Analyse diskriminierender Sprach_handlungen. In: Meibauer, Jörg (Hrsg.): Hate Speech/Hassrede. Interdisziplinäre Beiträge des gleichnamigen Workshops, Mainz 2009. Linguistische Untersuchungen. Gießener elektronische Bibliothek. S. 29-58. Online: Online
  • König, Ekkehard / Stathi, Katarina (2010): Gewalt durch Sprache: Grundlagen und Manifestationen. In: Krämer, Sybille / Koch, Elke (Hrsg.): Gewalt in der Sprache. Rhetoriken verletzenden Sprechens. München: Wilhelm Fink Verlag. S. 45-59
  • Krämer, Sybille (2007): Sprache als Gewalt oder: Warum verletzen Worte? In: Herrmann, Steffen Kitty / Krämer, Sybille / Kuch, Hannes (Hrsg.): Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung, Edition Moderne Postmoderne. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 31–48.
  • Kuch, Hannes (2010): Austin – Performative Kraft und sprachliche Gewalt. In: Kuch, Hannes / Herrmann, Steffen Kitty (Hrsg.): Philosophien sprachlicher Gewalt. 21 Grundpositionen von Platon bis Butler. Weilerswist. S. 219-240.

Kategorie: Publikationen; Keywords: Hassrede, Hate Speech, Beleidigung, Herabwürdigung, sprachliche Gewalt