"Flüchtlings"-Kritik: Politische Korrektheit von rechts
von josch am 2020-02-19

Es gehört zu den zahlreichen Selbstwidersprüchen der neuen Rechten, einerseits gegen eine vermeintliche Political Correctness ("politische Korrektheit") zu polemisieren, aber zugleich wie kaum eine andere Diskursgemeinschaft Kritik am öffentlichen Sprachgebrauch zu üben.

Vor der letzten Bundestgaswahl habe ich für ein Radiofeature von Kilian Pfeffer vom SWR den Sprachgebrauch in Pressemitteilungen der Bundesparteien verglichen (PDF). Eine Vergleichskategorie war, wie häufig die Parteien die Sprache selbst, d.h. die Form oder den Inhalt von Ausdrücken, selbst zum Thema machen. Ein recht einfaches zu operationalisierendes Maß hierfür ist, wie häufig die Parteien Ausdrücke in Anführungszeichen setzen, wie häufig sie einen Ausdruck mit einem vorangestellten "so genannt" (und orthographischen Varianten) rahmen. Beides sind Praktiken, mit denen man sich im Medium der Schrift von Inhalt oder Form eines Ausdrucks distanzieren kann. Schon frühere Studien haben gezeigt, dass extremistische Parteien wie die NPD besonders häufig dazu neigen, sich von der herrschenden Semantik zu distanzieren. Im Fall der nun im Bundestag vertretenen Parteien war das Ergebnis eindeutig:

Sprachthematisierungen in den Pressemitteilungen der Bundesparteien vor der Bundestagswahl 2017 je 10.000 Wörter

Die AfD distanziert sich häufiger als alle anderen Parteien von den von ihr verwendeten Ausdrücken. Unter 10.000 Wörtern thematisiert sie im Durchschnitt rund 30 Wörter, fünf mehr als die CDU, die auf Platz zwei folgt. Am seltensten thematisieren SPD und Grüne Ausdrücke als problematisch.

Untersucht man, welche Ausdrücke im Vergleich zu anderen Parteien von der AfD besonders häufig in Anführungszeichen gesetzt oder mit einem "sogenannt" geframet werden, dann finden sich Begriffe, die der migrations- und linkskritische und populistische Ausrichtung der Partei zeigen. Zu den häufigsten Wörtern zählen Flüchtling, Energiewende, Antifa, Aktivist, Elite und politisch Korrektheit.

Sprachkritisch thematisierte Ausdrücke in den Pressemitteilungen der AfD vor der Bundestagswahl 2017

Mit der "politischen Korrektheit" ist es so eine Sache. Wie an anderer Stelle gezeigt, kam sie als politischer Kampfbegriff der Neuen Rechten nach Deutschland. Der Begriff verdichtet ein Strohpuppen-Argument, ein Argument, das ein Anliegen des politischen Gegners so verzerrt, dass es per se als unsinnig oder illegitim erscheint. Demnach werden bestimmte Aussagen nur aufgrund politischer Rücksichtnahme getätigt, andere aus denselben Gründen tabuisiert. Diese Rücksichtnahme führt aber dazu, dass die gemachte Aussage im Hinblick auf den Gegenstand, auf den sie Bezug nimmt, falsch ist; nur in politische Hinsicht ist sie wahr. Wer also die Wahrheit sagen möchte, der ist gezwungen, sich "politisch inkorrekt" auszudrücken, und wird ggf. zum Opfer sozialer Ächtung. Schuld an der vermeintlichen Unsagbarkeit des "sachlich Wahren" sind "Linke", "Kulturmarxisten", "Mainstreammedien", "radikale Minderheiten" etc. Soweit das Strohpuppenargument.

Angesichts der Tatsache, dass die AfD als parlamentarische Rechte am häufigsten den öffentlichen Sprachgebrauch kritisiert, ist es doch erstaunlich, dass sie sich so vehement gegen "politische Korrektheit" ausspricht. Wie jede, die Kritik übt, nimmt freilich auch die AfD für sich in Anspruch, diese Kritik im Namen der Wahrheit zu äußern. Die "Energiewende" ist in ihren Augen eben keine Energiewende sondern ein Schritt zur Deindustrialisierung Deutschlands.

Kürzlich erreichte mich unter dem Betreff "Präsupposionen, Populismus" die Zuschrift eines selbsterklärten AfD-Wählers zu jenem Ausdruck, der von Seiten der AfD am häufigsten thematisiert wird. Das Wort "Flüchtling", kritisiert er, sei Migranten "präsupponierend zugeschrieben" worden. Dies finde er insofern populistisch, als der Ausdruck nicht differenziert genug und geeignet sei, "Emotionen zu wecken sowie mit ihnen verbundene Handlungsdispositionen zu nutzen". Vereinfacht gesagt: Das Wort "Flüchtling" sei im öffentlich Diskurs pauschal für all jene verwendet worden, die im Zuge der Flüchtlingskrise nach Deutschland gekommen seien. Weil das Wort "Flüchtling" aber unterstelle, dass diese Menschen geflohen bzw. auf der Flucht seien, wecke es Mitleid und Anteilnahme und schaffe so Akzeptanz für politische Maßnahmen, beispielsweise für die Aufnahme und Unterstützung der zu uns kommenden Menschen. Entspechend fand der Zusender den Gebrauch des Wortes "Flüchtling" "sehr populistisch". In einem seiner Texte benutzt er "Migrant" als Gegenbegriff. Ich antwortete:

Die Frage, ob "Flüchtling" oder "Migrant" die treffender Bezeichnung gewesen wäre, ist sicher nicht ganz leicht zu beantworten. Und sicher haben Sie Recht, dass "Flüchting" bestimmte Prädikationen präsupponiert.

Betrachtet man allerdings die Verwendungsweise von "Migrant", dann ist es so, dass die Bezeichnung "Migrant" in der überwiegenden Zahl der Fälle in der Mediensprache dann verwendet wird, wenn man die reguläre Arbeitsmigration einschließt oder sich gar vorwiegend auf diese bezieht.

Ich denke, dass die Bezeichung "Migrant/Migrantin" daher nicht zutreffend, sogar irreführend gewesen wäre. Denn es ging ja in der Berichterstattung gerade um solche Menschen, die ohne Visum und Arbeitsgenehmigung nach Deutschland kamen und den Problemen, die sich daraus ergaben.

Ich bin kein Jurist, aber der Mehrzahl der Menschen, auf die sich die Berichterstattung bezog, wurde m.W. ein rechtlicher Status entweder nach Asylrecht (Asylbewerber), der Genfer Flüchtlingskonvention (Flüchtling) oder der Europäischen Menschenrechtskonvention (subsidiärer Schutz) zugeschrieben. Insofern sind die Ausdrücke "Flüchtling" oder "Schutzsuchende", was ja auch häufiger verwendet wurde, durchaus im Hinblick auf die Referenz zutreffend und präziser als "Migrant". Ich sehe darin zunächst mal nichts Populistisches.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Zwar räumte der Zusender ein, "Flüchtling" sei einerseits ein durch rechtliche Urteile zugewiesenes Prädikat. Er wandte jedoch ein, dass die Bezeichnung "Flüchtling" alltagssprachlich eine andere Bedeutung habe und vor diesem Hintergrund die Zuschreibung eines Flüchtlingsstatus durch alltagsweltliche Beobachtungen hinterfragbar sei. Das Wort "Migrant" habe ihm nur als Beispiel für einen Oberbegriff für "Flüchtling" und verwandte Begriffe gedient, man könne stattdessen auch "Sich Bewegende" benutzen.

Was der Zusender (der übrigens freundlich und angenehm sachlich schrieb und das Wort "Linksintellektuelle" gerne in Anführungszeichen setzt) also fordert, ist, dass Medien juristisch adäquate Ausdrücke nicht nutzen sollten, weil diese dem Alltagsverständnis nicht gemäß seien und ihre Präsupposition verhindere, dass migrationskritisch eingestellte Menschen öffentlich das Asylrecht in seiner heutigen Form in Frage stellen könnten.

Dass der Alltagssprachgebrauch vielfältig ist und davon ausgegangen werden kann, dass gerade in umkämpften Diskursfeldern wie Zuwanderung und Asyl hier keine einheitliche Bedeutung für bestimmte Ausdrücke zu finden sind, lässt es meiner Meinung nach zweifelhaft erscheinen, den Sprachgebrauch in den Medien auf den Alltagssprachgebrauch zu verpflichten, ohne sie dem Verdacht auszusetzen, parteiisch zu sein. Darauf soll es hier aber nicht ankommen, sondern auf das Folgende.

Dem Sachverhalt adäquate Ausdrücke nicht verwenden, bloß weil sich eine politische Gruppe vom Diskurs ausgeschlossen fühlt - das ist exakt das, was die Neue Rechte als "politische Korrektheit" brandmarken würde und gerne auf dem "Müllhaufen der Geschichte" entsorgen würde, wie Alice Weidel auf dem Bundesparteitag der AfD 2017 in Köln forderte. Oder doch nicht? Die Forderung nach einem weniger gegenstandsadäquaten, dafür aber (für die neue Rechte) inklusiveren und anschlussfähigeren Sprachgebrauch, findet sich immer häufiger. Schon länger äußern rechte Parteien sich häufiger sprachkritisch als Parteien aus anderen politischen Lagern. Leben wir also in einer Zeit der politischen Korrektheit von Rechts?

Kategorie: Linguistik, Free Speech, Zuschriften; Keywords: politische Korrektheit, neue Rechte, AfD

"linksgrün versifft"
Wer hat's erfunden?
von josch am 2019-07-22

Kennen Sie das? Ein Bekannter erzählt einem eine neue, spannende, vielleicht faszinierende Geschichte. Sie hängen an seinen Lippen, nicken eifrig, schütteln manchmal ungläubig den Kopf. Und ganz am Ende der Geschichte gibt er einem zu verstehen, das alles frei erfunden war. So etwas kommt immer wieder mal vor, denn als Zuhörer unterstellen wir erst einmal automatisch die Faktizität des Geschilderten. Zumindest solange wir keine anderen Hinweise erhalten. Aber ein einziger Hinweis kann unser Verständnis des Erzählten rückwirkend verändern, teilweise sogar in sein Gegenteil verkehren. Wie bei einer Kippfigur. Ein solcher Hinweis kann in einem plumpen "War alles nur ein Witz" bestehen oder auch nur in einem einvernehmlichen Zwinkern.

Jörg Meuthen hat der BILD am Sonntag ein Interview gegeben. In diesem Interview erklärt er, die AfD sei eine Rechtsstaatspartei, die sich glaubwürdig gegen alle extremistischen Tendenzen abgrenze. Zudem sei er sich sicher, dass Doris von Sayn-Wittgenstein, AfD-Vorsitzende von Schleswig-Holstein, aus der Partei ausgeschlossen werde. Alles prima also. Aber ganz am Schluss, da sagt er etwas, das zu denken gibt.

Er sei stolz darauf, den Begriff (er meint wohl das Wort) "Links-grün versifft" geprägt zu haben. Beim AfD-Programmparteitag in Stuttgart nämlich habe er zunächst vom "links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland" gesprochen. Nachdem das anwesende Parteivolk darauf begeistert reagiert habe, habe er nachgelegt: "Man könnte auch sagen: links-rot-grün versifft." Und erneut habe es donnernden Applaus gegeben. Eine schöne Geschichte, der wir fasziniert lauschen.

Aber dann halten wir inne. Der AfD-Parteitage war 2016, genauer am 30. April 2016. Sollte Meuthen wirklich derjenige gewesen sein, der jenen Ausdruck, der das Leiden der ziemlich weit Rechten an vermeintlicher linker Heuchelei und Scheinheiligkeit so optimal verdichtet, spontan geprägt hat, indem er "links-rot-grünes 68er-Deutschland" durch "links-(rot)-grün" ersetzt und "verseucht" mit "versifft" euphemistisch paraphrasiert hat? Haben wir den Ausdruck nicht schon früher gehört oder gelesen?

Im Netz wird tatsächlich einem anderen, für seine Invektiven Berüchtigten der Verdienst der Neuprägung des Ausdrucks "linksgrün versifft" zugeschrieben: Akif Pirinçci. So kommentiert Leserin Claudia am 30. Juli 2018 auf seinem Blog "Der kleine Akif" anlässlich einer Vorladung Pirinçcis zu einer Ermittlungssache wegen Volksverhetzung:

Es tut mir Leid, dass Sie - der Sie sich unschätzbare Verdienste erworben haben, schon allein als Sprachschöpfer ("Linksgrünversifft" ist und bleibt genial) - ständig diesem Terror ausgesetzt sind.

Und tatsächlich finden sich in Pirinçcis Texten und denen seiner (rechts)geneigten Kommentatoren zahlreiche Belege vor dem vermeintlichen Meuthen'schen Schöpfungsdatum im April 2016. Auch in dem Pamphlet "Deutschland von Sinnen", das im März 2014 erschien, schreibt Pirinçci vom "linksgrün versifften Staatsfunk" in Bremen. Allerdings findet sich bei Pirinçci häufiger die Variante "grün-linksversifft". Ist also Pirinçci Erfinder des "geflügelten Wortes"?

Eine kurze Recherche beim Diskursatlas Antifeminismus zeigt, dass der Ausdruck "linksgrün versifft" zumindest Vorläufer hatte. So sind "linksversifft" und "rotversifft" beispielsweise schon 2011 bei "Politically Incorrect" (pi-news.net) belegt.

Den ersten belegt für "lingsgrün versifft", für das Wirtschafts-FH-Professor Meuthen via BILD die Urheberschaft beansprucht, habe ich in einem Finanzblog gefunden, das sich noch vor der AfD den Themen Euro- und Islamkritik verschrieben hatte und eifrig Verschwörungstheorien verbreitete, nämlich auf dem deutsch-österreichischen Portal hartgeld.com, in dem redaktionelle Inhalte und als Leserzuschriften ausgewiesene Texte erscheinen. Am 29. Dezember 2012 wurde hier eine solche anonymisierte Leserzuschrift publiziert, in der sich der Satz findet:

"Ich habe vorletzte Woche einen Gerichtsprozeß in linksgrünversifften Hamburg [sic!] gewonnen".

Weil der Satz ohne die für Neuprägungen typische Metakommunikation auskommt, ist davon auszugehen, dass es sich für den Autor bei "linksgrün versifft" schon 2012 um einen gut eingeführten Audruck handelte.

Woher kannte Meuthen den Ausruck, als er im April 2016 an ein Stuttgarter Rednerpult trat? Hatte er Pirinçci gelesen, dann aber die Lektüre verdrängt, als dieser sogar bei PEGIDA in Ungnade gefallen war? Oder hatte der Wirtschafts-FH-Professor sich früher schon auf dem Portal "Hartgeld" informiert? Wir wissen es nicht und es ist müßig darüber zu spekulieren. Sicher ist: Erfinder des Ausdrucks ist er nicht.

Zeigt sich in Meuthens Anspruch, der Erfinder von "linksgrün versifft" zu sein, das Bemühen eines AfD-Vorsitzenden, der die Abwahl beim nächsten Parteitag fürchtet, sich mangels politischer Erfolge zumindest einen Platz in der Sprachgeschichte zu sichern und sich so unsterblich zu machen? Oder will uns Meuthen mit der offensichtlich Falschheit seiner Aussage am Ende des BILD-Interviews etwas über den Wahrheitsgehalt des restlichen Inhalts sagen? Ist es ein verschmitztes Augenzwinkern des AfD-Vorsitzenden, das uns verraten soll, dass alles nicht so ernst gemeint war?

Kategorie: Gesellschaft, Linguistik; Keywords: AfD, "linksgrün versifft"

"Sag nicht..."
Argumentative Muster der Wortkritik
von josch am 2020-07-26

Sprachkritik ist allgegenwärtig. Besonders aufmerksam werden wir auf sie, wenn über angemessene Bezeichnungen für Personen oder Sachverhalte debattiert wird - wie aktuell über die U-Bahn-Haltestelle "Mohrenstraße", Bezeichnungen wie "White Hat" und "Black Hat" und "Master" und "Slave" in der IT-Branche oder in der immer wieder aufblühenden Debatte über das "Gendern". Weil Politik aber auch darin besteht, Sachverhalt so darzustellen, dass bestimmte politische Maßnahmen plausibel oder sogar notwendig erscheinen, ist Sprachkritik ein allgegenwärtiges Medium der Politik und ein Feld der Aushandlung gesellschaftlicher Normen. Auf einer Metaebene ist "Sprachkritik" zudem selbst zu einer Ressource im Meinungsstreit geworden. Etwa dann, wenn Hegemonie durch sprachliche Dominanz zur politischen Strategie erklärt wird oder wenn bestimmte Formen von Sprachkritik als undemokratisch denunziert werden wie in der Debatte gegen die sogenannte Political Correctness.

Sprachkritk ist also mehr als ein Streit um Wörter. Vielleicht erklärt dies auch die Leidenschaft und Intensität, mit der um Sprache gestritten wird. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass die Parteien im Meinungsstreit sich aus einem relativ stabilen Fundus von Argumenten bedienen. Bei nüchterner, sprachwissenschaftlicher Betrachtung zeigt sich sogar, dass dieser Fundus nicht parteilich gegliedert ist, sondern sich Befürworterinnen und Gegner einer sprachlichen Form ja nach Kontext jedes Arguments bedienen können. Die Forschung zeigt, dass zwar einzelne Gruppen oder soziale Bewegungen Präferenzen für bestimmte Argumentationsmuster haben, allerdings lassen diese sich nicht nach einem einfachen Links-rechts- oder Konservativ-progressiv-Schema gliedern. Martin Wengeler (2003) hat als Pionier der linguistischen Argumentationsanalyse zahlreiche argumentative Topoi in sprachkritischen Diskursen identifiziert, die in der Folge erweitert und verfeinert wurden.

1. Berufung auf Wortverwendungs-Konventionen

Remotivierungs-Topos: Weil ein Bestandteil eines Wortes eine bestimmte Bedeutung hat, muss das Wort in einer dadurch bestimmten Art und Weise gebraucht werden.

Etymologie-Topos: Aus der ursprünglichen Bedeutung eines Wortes in seiner Ausgangssprache/in früheren sprachgeschichtlichen Epochen werden Folgen für seine angemessene heutige Verwendung abgeleitet.

Wörterbuch-Topos: Aus der in Wörterbüchern nachgeschlagenen Bedeutung eines Wortes werden Folgen für seine angemessene Verwendung abgeleitet.

Sprachästhetik-Topos: Aus dem eigenen Sprachempfinden heraus wird die Benutzung von Wörtern generell oder in einer bestimmten Bedeutung/in einem bestimmten Zusammenhang kritisiert und ihre Vermeidung empfohlen.

Dynamisierungs-Topos: Ein Begriff wird nicht – wie es ursprünglich der Fall war oder wie es richtigerweise sein muss – zur Bezeichnung der Wirklichkeit verwendet, sondern enthält darüber hinaus Bedeutungen, die auf Zukünftiges, Nicht-Reales, Nicht-empirisch-Messbares verweisen.

Geschichts-Topos: Ein Wort ist in einer geschichtlichen Phase – vor allem in der NS-Zeit – in bestimmter Weise verwendet worden und soll daher heute vermieden werden.

Autoritäts-Topos: Weil eine als Experte oder Autorität ausgewiesene Person oder Institution eine bestimmte sprachliche Äußerung befürwortet/ ablehnt, sollte diese Äußerung ausgeführt/nicht ausgeführt werden.

Topos von der Fremdbenennung: Ein sprachlicher Ausdruck wurde von einem Nichtangehörigen einer bestimmten Menschengruppe zur Bezeichnung dieser geschaffen. Der Ausdruck sollte vermieden und Wünsche bezüglich der von der jeweiligen Gruppe gewählten Eigenbezeichnung sollten respektiert werden.

2. Berufung auf die referentielle Funktion von Ausdrücken

Richtigkeits-Topos: Ein Wort entspricht (nicht) der mit ihm bezeichneten Realität und soll deshalb benutzt/vermieden werden.

Phantom-Topos: Ein Ausdruck ist deshalb unangemessen oder falsch, weil es das Bezeichnete in der Realität gar nicht gibt.

Worthülsen-Topos: Ein Wort ist so vage und vieldeutig, dass mit ihm kein Sachverhalt mehr oder viele verschiedene Sachverhalte bezeichnet werden können. Es sollte deshalb vermieden werden.

Euphemismus-Topos: Ein Wort verschleiert den Sachverhalt. Seine Benutzer wollen mit ihm täuschen/manipulieren. Deshalb sollte man das Wort vermeiden oder seinen Euphemismus-Charakter aufdecken.

Topos von der einseitigen Perspektive: Ein Ausdruck bezeichnet einen Sachverhalt aus einer einseitigen Perspektive. Er wird damit der vom Kritiker anders gesehenen oder komplexeren Wirklichkeit nicht gerecht und soll durch einen anderen Ausdruck ersetzt werden.

3. Berufung auf den Bewusstsein mitbestimmenden Charakter von Sprache

Bewusstseinskonstitutions-Topos: Wer bestimmte Ausdrücke benutzt, trägt zur Konstruktion/Konstitution eines bestimmten Bewusstseins und damit auch der sozialen Wirklichkeit bei. Daher soll der entsprechende Ausdruck vermieden oder bewusst verwendet werden.

Eindimensionalitäts-Topos: Ein Wort konstituiert einen Gegenstand auf so einseitige und daher unbrauchbare Weise, dass es durch andere Wörter ersetzt oder in seiner Bedeutung erweitert werden muss.

Umwertungs-Topos: Weil ein Wort abwertende Funktion hat, soll es gerade stolz als Selbstbezeichnung bzw. in positiven Kontexten benutzt werden, um eine Umwertung des Wortes und damit auch des Bezeichneten zu erreichen.

Indikator-Topos: Die Verwendung/Etablierung bestimmter Ausdrücke zeigt eine bestimmte gesellschaftliche Entwicklung, die zumeist kritisiert, seltener erfreut zur Kenntnis genommen wird.

4. Berufung auf den strategischen/kämpferischen Aspekt von Sprache

Schlagwort-Topos: Ein Wort ist ein reines Kampfmittel, an dem sich die politischen Auseinandersetzungen entzünden bzw. das nur zum "Schlagen" gegen den politischen Gegner verwendet wird, oder es wird nur benutzt, um einen Aufmerksamkeitsgewinn zu erzielen.

Topos vom politischen Gegner: Weil der politische Gegner ein Wort vielleicht sogar als "politischen Kampfbegriff" benutzt, soll es in der eigenen Partei/Gruppierung vermieden werden.

5. Berufung auf die emotive Funktion und Handlungsfunktion sprachlicher Zeichen

Betroffenheits-Topos: Durch ein Wort fühlt sich der Sprecher abgewertet/ diskriminiert. Er verlangt daher die Vermeidung des Wortes, vermeidet es selber und schlägt gegebenenfalls eine Ersatzbezeichnung vor.

Schimpfwort-Topos: Ein Wort ist ein Schimpfwort (geworden) und soll daher vermieden werden oder seine Verwendung sogar juristisch belangt werden.

Topos von der Normabweichung: Weil durch bestimmte sprachliche Äußerungen Menschen bzw. Menschengruppen ausgegrenzt/exotisiert/als andersartig deklariert werden bzw. ein Sachverhalt als von der Norm abweichend darstellt wird, sollten diese sprachlichen Äußerungen vermieden werden.

Homogenisierungs-Topos: Weil eine sprachliche Äußerung Menschen bzw. Menschengruppen oder einen Sachverhalt homogenisiert und die Identität des Einzelnen leugnet, sollte diese sprachliche Äußerung vermieden werden.

Rassismus-Topos: Weil durch bestimmte sprachliche Äußerungen Menschen rassistisch diskriminiert und abgewertet werden, sollten diese sprachlichen Äußerungen vermieden werden.

Assoziations-Topos: Ein Wort erinnert an ein anderes Wort und soll deshalb nicht benutzt werden.

Fazit

Die meisten sprachkritischen Debatten lassen sich auf diese Argumentationsmuster zurückführen. Und jedes dieser Topoi kann, je nachdem, wie er empirisch fundiert wird, Gültigkeit beanspruchen. Ein Medium der Gesellschaftsanalyse wird die Toposanalyse dann, wenn man fragt, welche Aspekte gesellschaftlicher Ordnungs- und Normalistätsvorstellungen implizit relevant gesetzt werden. Aber diese Frage wird leider zu selten gestellt.

Literatur

  • Wengeler, Martin (1996): Sprachthematisierungen in argumentativer Funktion. Eine Typologie. In: Karin Böke/Matthias Jung/Martin Wengeler (Hgg.): Öffentlicher Sprachgebrauch. Praktische, theoretische und historische Perspektiven. Opladen, S. 413-430.
  • Wengeler, Martin (2003): Topos und Diskurs. Begründung einer argumentationsanalytischen Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960-1985). Tübingen.
  • Friedemann, Alfons (2017): Argumentative Muster der Sprachkritik im Wandel: Topoi antirassistischer Wortkritik im Vergleich. In: Aptum, 02/2017. Themenheft: Hate Speech/Hassrede. S. 164-185.

Kategorie: Linguistik, Gesellschaft; Keywords: Sprachkritik, politische Korrektheit, Toposanalyse