Sprachliche Formen von Hassrede und Beleidigung
Ein Überblick
von josch am 2018-02-28

Die herabwürdigende Kraft sprachlicher Handlungen liegt nicht in den Wörtern selbst, sondern in den Konstellationen, Kontexten und Anschlusskommunikationen, in denen diese Wörter geäußert werden. Dennoch gibt es sprachliche Formen, die besonders häufig in invektiven Kontexten verwendet werden. Die Sprachwissenschaft hat sprachliche Muster und Äußerungstypen identifiziert, die besonders häufig in Situationen Verwendung finden, in denen die Handlungen der Beleidigung, der Herabwürdigung oder der Marginalisierung realisiert werden.

Die vollständigste Darstellung einer Pragmasemantik herabwürdigenden Sprechens hat Anja Lobenstein-Reichmann in ihrem Buch „Sprachliche Ausgrenzung im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit“ (2013) vorgelegt. Sie reichen von Bezeichnungshandlungen bis hin zu Textsorten und sollen im Folgenden von den kleinsten sprachlichen Einheit ausgehend referiert werden.

Wort und Proposition

So kann die einfache Referenzhandlung bereits als herabwürdigend gedeutet werden, nämlich dann, wenn das Nomen proprium oder das Nomen appelativum, das zur Bezeichnung einer Person oder Gruppe benutzt wird, als implizite Kurzform einer bewertenden Prädikation verstanden werden kann. Beispielsweise wurde der Ausdruck Zigeuner in der Geschichte des Deutschen zwar lange als Name eines Volkes benutzt, hatte aber zugleich einen stark negativ wertende Bedeutungsdimension (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 33). Was am Extrembeispiel der Bezeichnung Zigeuner illustriert wurde, gilt aber allgemein für jede Referenzhandlung: Eine neutrale Beschreibung der Welt ist nicht möglich, jede Bezugnahme auf Welt enthält wertende Dimensionen (vgl. Quine 1951, Austin 1962: 150).

Positionierungen können auch mittels Vergleich und Metapher vorgenommen werden. Während Vergleiche den referenzierten Gegenstand mit einem anderen Gegenstandsbereich explizit durch die Partikel wie verknüpfen, geschieht dies bei Metaphern implizit, häufig mit den syntaktischen Formen etwas ist etwas, jemand nennt etw. etw. (doppelter Akkusativ) / bezeichnet etwas als etwas (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 40). Metaphern und Vergleiche transportieren Wertungen, indem bestimmte Eigenschaften vom Vergleichsgegenstand auf den referenzierten Gegenstand übertragen werden. Eine Beispiel für die Verwendung einer Metapher, die zur Verurteilung wegen Volksverhetzung geführt hat, ist die Bezeichnung von Flüchtlingen als Viehzeug durch PEGIDA-Chef Lutz Bachmann. Das Beispiel ist insofern typisch für Metaphern, die eine herabsetzende Wirkung entfalten können, als diese häufig aus den Bildbereichen Tier, Krankheit, Katastrophe und Kriminalität entlehnt sind (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 43).

Auch Wortbildungen haben das Potenzial, Positionierungen eine negative Bedeutungsdimension zu geben. So können beispielsweise durch Ableitungen mit den Diminutivsuffixen /lein/ und /ling/ (Emporkömmling, Eindringling, Fremdling) oder durch die Präfixe /un/ (Unkraut, Unmensch) oder /unter/ (Untermensch, Untermenschentum) Negativierungen erzeugt werden (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 46). Auch einzelne Bestandteile von Komposita können dazu führen, dass die in ihnen realisierten negativen semantischen Merkmale dem Kompositum eine negative Bedeutung geben. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Komposita mit dem Determinatum /Jude/ (Sowjetjude, Reformjude, Zentrumsjude, Musterjude, Edeljude) sowie das Wort Jude selbst „zum Schimpfwort schlechthin“ (Schlosser 2013: 21f). Heute führt das Determinans /Nazi/ dazu, dass die mit ihm gebildeten Komposita eine negative Bewertung des bezeichneten Sachverhalts, Gegenstandes oder der bezeichneten Person transportieren und zwar ganz unabhängig davon, ob das Wort einen Sachverhalt aus dem historischen Nationalsozialismus bezeichnet oder nicht (Nazizeitung, Nazisprache, Nazidichter, Nazi-Treff, Nazi-Bau, Nazi-Freund, Nazi-Justiz).

Eine explizite Form der sprachlichen Herabsetzung, die von Laien oft als prototypische Form der Beleidigung aufgefasst wird, ist die Verwendung von Schimpfwörtern. Schimpfwörter „bringen eine negative Bewertung zum Ausdruck. Zusätzlich zu ihrem deskriptiven Bedeutungsanteil besitzen sie eine differenzierte expressive Bedeutung […].“ (Löbner 2003: 46) Die herabwürdigende Kraft von Schimpfwörtern ergibt sich freilich nicht aus ihrer Wortgestalt, sondern aus ihrer Verwendung im Kontext von Schimpf- und Herabsetzungshandlungen. Die von der Malediktologie zusammengestellten Schimpfwörterbücher (vgl. etwa Kappeller / Voigt 1964, Pfeiffer 1997) sind daher interessante Quellen, funktional orientierte Untersuchungen wie von Sornig (1975) und Scheffler (2000) tragen jedoch mehr zum Verständnis vom Beitrag von Schimpfwörtern zu Positionierungshandlungen bei. Fatma Oztürk Dağabakan versteht unter dem Determinatum Schimpfen die verbale Äußerung von Aggression, mit der Absicht zu beleidigen (vgl. Dağabakan 2012: 82). Steffen K. Hermann und Hannes Kuch sehen Schimpfen und Fluchen als explizite Missachtungsformeln (vgl. Hermann, Kuch 2007: 17), bei denen Schimpfwörter zum Einsatz kommen. Schimpfwörter sind in dieser Perspektive Ausdrücke mit idiomatischer Prägung (Feilke 1996), die sich ihrer Verwendung in typisierten kommunikativen Kontexten und Situationen mit konventionalisierten pragmatischen Funktionen verdankt. Spottnamen und anredende Schimpfwörter sind nach Lobenstein-Reichmann (2013: 52) „entweder einwortige illokutionäre oder kontextuell eingebettete Sprechakte, die dazu dienen zu beleidigen, zu schmähen oder auszugrenzen.“

Neben diesen lexikalischen Mitteln können explizite Prädikationshandlungen dazu genutzt werden, Positionierungen mit pejorativem Effekt zu bewirken. Prädikation bezeichnet die Zuschreibung von Eigenschaften. Prädikationen können insbesondere dann herabwürdigende, marginalisierende oder ausgrenzende Effekte haben, wenn sie Bezug auf Normalitätsvorstellungen nehmen und der präzidierten Person oder Gruppe implizit oder explizit eine Abweichung von der Norm zuschreiben. Sie glücken um so eher, je stärker die Aussagen von einem normalistischen Dispositiv (Link 1997) mitgeformt werden, weil sie dann als selbstverständlicher Teil des Wissens einer Gesellschaft gelten und damit unhinterfragbar sind. Grundsätzlich lassen sich prädikative und attributive Prädikationshandlungen unterscheiden. Prädikative Bewertungshandlungen können beispielsweise über Sätze mit einem Prädikativum und der Kopula sein realisiert (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 71) werden. In Sätzen wie „Du bist ein Idiot!“ wird der Angesprochene kategorisiert und zugleich bewertet. Bei der attributiven Bewertungshandlung werden „zwei semantische Informationen zueinander in Beziehung [gesetzt]. Aus dem Nebeneinander wird ein Miteinander, da die semantischen Merkmale der Einzelausdrücke aggregativ miteinander verwoben werden. In der Regel entsteht auf diese Weise semantisch Neues. Bei Adjektivattributen wird das zu bestimmende Substantiv durch den Inhalt des Adjektivs näher spezifiziert.“ (Lobenstein-Reichmann 2013: 75) So setzt die Beleidigung „schwule Sau“ dehumanisierendes Schimpfwort und vermeintliche sexuelle Perversion miteinander in Beziehung. Attributive Prädikationshandlungen können aber auch zur Gradierung benutzt werden (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 77), das heißt zur Codierung des Überzeugungsgrads oder der emotionalen Involviertheit des Sprechers hinsichtlich des Gehalts des substantivischen Ausdrucks („verdammter Lügner“).

Sprachliche Muster auf der satzsemantischen Ebene

Auf der satzsemantischen Ebene identifiziert Lobenstein-Reichmann den kollektiven Singular, die Aufzählung und die implizite Prädikation als sprachliche Mittel, mit denen pejorisierende Positionierungen vorgenommen werden können.

Mit dem kollektiven Singular, ganz gleich ob in Verwendung mit bestimmtem oder unbestimmtem Artikel, wird hinsichtlich einer Gruppe die Existenz eines Idealtypus insinuiert, der sich bestimmten typischen Eigenschaften der Gruppenangehörigen verdankt. Durch die Bezeichnung mit dem kollektiven Singular werden die bezeichneten Personen dann als Angehörige einer Gruppe mit den für diese Gruppe vermeintlich konstitutiven Eigenschaften klassifiziert. Pejorisierend wirkt der kollektive Singular insbesondere dann, wenn die vermeintlich konstitutiven Eigenschaften negativ bewertet werden (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 80.) Als Beispiel für eine Abwertung durch den Gebrauch des kollektiven Singulars kann ein auf faz.net erschienener Artikel über die Personenkontrollen im Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2016/2017 dienen, der schon in der Überschrift mit einem Kollektivsingularen operiert: „Sehr populistische Fragen an den Nafri, Politik und Polizei nach Köln“. Die negative Bedeutung der Klassenbezeichnung „Nafri“ wird (unter anderem) durch die in eine Frage verkleidete Zuschreibung einer negativen Eigenschaft deutlich: „Warum geht von Dir und Deinen Freunden ‚Grundaggressivität‘ aus?“ (Man beachte die Du-Anrede.)

Die Aufzählung kann dann dazu beitragen, dass positionierende Bezeichnungen eine negativ wertende Bedeutung bekommen, wenn die immer gleichen Elemente miteinander so oft in Beziehung gesetzt werden, dass sie als festes sprachliches Muster wahrgenommen werden. In der Aufzählung werden die einzelnen Glieder zwar als distinkt dargestellt, zugleich aber unter einem bestimmten Gesichtspunkt als Teil eines Gemeinsamen subsummiert, „semantisch unter einem bestimmten, ihnen allen gemeinsamen Aspekt gefasst“ werden (Lobenstein-Reichmann 2013: 83). Auch wenn das Gemeinsame nicht explizit genannt wird, wird es doch von kompetenten Hörern erschlossen. Wird dieses Gemeinsame negativ bewertet, erfolgt eine abwertende Positionierung der bezeichneten Gruppen wie beispielsweise in der Aufzählung Juden, Kapitalisten und Bolschewisten, die von Nationalsozialisten häufig benutzt wurde, um den vermeintlichen jüdischen Bolschewismus zu referenzieren. „Bisher Eigenständiges erfährt eine Semantisierung als Gruppe, durch die es neu negativ beeigenschaftet wird.“ (Lobenstein-Reichmann 2013: 84)

Ähnlich wie die Aufzählung ohne explizite Nennung einer negativen Eigenschaft zu pejorativen Positionierungen führen kann, so können allgemein durch Präsuppositionen implizite Prädikationen gemacht werden, durch die die referenzierten Personen oder Gruppen abwertend positioniert werden. Präsuppositionen sind das für das Verständnis einer Aussage notwendige, aber stillschweigend vorausgesetzte Wissen. In Aussagen der Identitären Bewegung wie „Wir lassen uns nicht austauschen!“ ist das Ideologem, nach dem die Regierung der Bundesrepublik daran arbeitet, auf Geheiß der USA und anderer Mächte die autochthone Bevölkerung durch Migranten zwecks Ausmerzung des Deutschtums zu ersetzen, als Wissen vorausgesetzt. Neben solchen konstruktionellen Präsuppositionen können auch einzelne Lexeme ganze Wissensbereiche aufrufen, ohne sie zu explizieren (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 90). So setzt das Lexem Umvolkung die Existenz eines homogenen Volkes voraus, dessen Existenz dadurch bedroht ist, dass es durch ein anderes Volk ersetzt wird, und dass dieser Prozess der Ersetzung bereits in Gang ist. Präsuppositionen nutzen demnach Normalitätsvorstellungen als Positionierungsressource und erscheinen deshalb besonders plausibel und unmittelbar evident.

Weitere Muster

Über die hier referierten Mittel hinaus existieren weitere musterhafte sprachliche Formen, die häufig Verwendung finden, wenn negative Positionierungen vorgenommen werden. Dazu zählen auch Textsorten wie der Fluch (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 126-137), die Invektive oder der Rant, kommunikative Gattungen wie die Wutrede (Meier 2016), aber auch Formen der Nichtthematisierung wie der Namensentzug und die Tabuisierung (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 65).

Literatur

  • Austin, John L. (1962): How to do things with words. The William James Lectures delivered at Harvard University 1955. Oxford: Calrendon Press.
  • Dağabakan, Fatma Oztürk (2012): Die Fluchwörter und Verwünschungen im Deutschen und im Türkischen. In: Zeitschrift für die Welt der Türken, Heft 4, S. 79-98.
  • Feilke, Helmuth (1996): Sprache als soziale Gestalt. Ausdruck, Prägung und die Ordnung der sprachlichen Typik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Herrmann, Steffen Kitty / Kuch, Hannes (2007): Verletzende Worte. Eine Einleitung. Herrmann, Steffen Kitty / Krämer, Sybille / Kuch, Hannes (Hrsg.): Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung. Bielefeld: transcript.
  • Kapeller, Ludwig / Voigt, Helmut (1964): Das Schimpfbuch. Von Amtsschimmel bis Zimtziege. Herrenalb/ Schwarzwald: Erdmann.
  • Link, Jürgen (1997): Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Lobenstein-Reichmann, Anja (2013): Sprachliche Ausgrenzung im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Berlin / Boston: de Gruyter.
  • Löbner, Sebastian (2003): Semantik. Berlin, New York: De Gruyter.
  • Meier, Simon (2016): Wutreden – Konstruktion einer Gattung in den digitalen Medien. In: ZGL 44(1): 37-68.
  • Pfeiffer, Herbert (1997): Das große Schimpfwörterbuch. Über 10000 Schimpf-, Spott- und Neckwörter zur Bezeichnung von Personen. Frankfurt am Main: Eichborn.
  • Scheffler, Gabriele (2000): Schimpfwörter im Themenvorrat einer Gesellschaft. Marburg: Tectum.
  • Schlosser, Horst Dieter (2013): Sprache unterm Hakenkreuz. Eine andere Geschichte des Nationalsozialismus. Köln, Weimar, Wien: Böhlau.
  • Sornig, Karl (1975): Beschimpfungen, in: Grazer Linguistische Studien, Heft 1, S. 150-170.
  • Quine, Willard Van Orman (1951): Two Dogams of Empiricism. In: The Philosophical Review 60, S. 20-34.

Kategorie: Linguistik, Definitionen; Keywords: Hassrede, Hate Speech, Beleidigung, Herabwürdigung, sprachliche Muster

Neuerscheinung: "Sprachliche Gewalt"
Ein Band zu Formen und Effekten von Pejorisierung, verbaler Aggression und Hassrede
von josch am 2018-09-19

Zusammen mit Fabian Klinker und Joanna Szczęk habe ich ein Buch zum Thema "Sprachliche Gewalt" beim Metzler Verlag herausgegen. Die vollständige bibliographische Angabe lautet:

Klinker, Fabian / Joachim Scharloth / Joanna Szczęk (Hrsg.) (2018): Sprachliche Gewalt. Formen und Effekte von Hassrede, Pejorisierung und verbaler Aggression. Stuttgart: J.B. Metzler.

Im Folgenden dokumentiere ich das Editorial, das einen Überblick über die Beiträge gibt.

Editorial

Sprachliche Gewalt, Beleidigungen, Herabwürdigungen und zeichenhafte Aggressionen sind Normal- und zugleich Grenzfall menschlicher Kommunikation. Einerseits kennen alle vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaften Formen von Spott, Lästerung, Schmähung und Beschimpfung, die deshalb als ein ubiquitäres soziales Phänomen gelten und als eine grundlegende Dimension menschlicher Kommunikation und Interaktion verstanden werden dürfen. Andererseits stellen Praktiken der Entwertung und Herabsetzung einen Grenzfall der Kommunikation dar, insofern sie zumeist als Überschreitung des normalen Modus zwischenmenschlichen Umgangs aufgefasst werden; eine Normüberschreitung, die aber zugleich in besonderer Weise die Umrisse gesellschaftlicher „Normalität“ markiert. Gewalt verstehen wir dabei mit Sybille Krämer (2007: 36f) als Angriff auf den physischen und symbolischen Körper einer Person gleichermaßen. Mit Gewalt geht eine Veränderung der physischen oder sozialen Position einer Person einher, die vom Ziel des gewalttätigen Angriffs als schmerzhaft und verletzend aufgefasst wird, insofern der Angriff die Identität (im Sinne einer Positionierung im sozialen Raum) bedroht.

Im Unterschied zur physischen Gewalt kann sprachlich-symbolische Gewalt allerdings nicht aufgezwungen werden. Sie ist auf die Mitwirkung des Adressierten angewiesen, beruht jedoch ebenso auf der ratifizierenden, legitimierenden und autorisierenden Kraft, die von Dritten ausgeht (Kuch 2010: 234ff). So sind personale Dritte als Zeugen daran beteiligt, ein ambiges Geschehen als gewaltsam, ehrverletzend oder diskriminierend durch ihre Deutungen und ihr Verhalten zu disambiguieren. Dritte statten Sprecherinnen und Sprecher potenziell verletzender Worte zudem mit symbolischem Kapital aus, so dass sie im Namen Dritter sprechen können. Und schließlich sind Dritte insofern am invektiven Geschehen beteiligt, als sprachliche Herabsetzung in konventionalisierten Formen erfolgen muss, will sie gelingen, und eine Äußerung frühere Äußerungen Dritter aufruft und zitiert. Entsprechend ist sprachliche Gewalt nicht allein erklärbar als Folge der Intentionen von Sprecherinnen und Sprechern und ebenso wenig allein aus dem subjektiven Empfinden der adressierten Person.

Sprachliche Gewalt lässt sich anhand verschiedener Parameter in typische Figurationen differenzieren (König / Stathi 2010): Gerichtetheit (adressiert / nicht-adressiert), Referenzsubjekte (gerichtet gegen Individuen oder Angehörige einer Gruppe), Konventionalität der Mittel (konventionalisierte vs. tabuisierte oder artifizielle Formen), Vermitteltheit (direkt vs. indirekt), Beziehungen zwischen Sprecher/in und Adressat/in (Symmetrie / Asymmetrie), Anwesenheit eines Publikums (öffentlich / nicht-öffentlich), Wahrheitsbezug (Referenz auf begründbare Wahrheiten / als unbegründete Vorwürfe), Iteration (Wiederholung / Einmaligkeit), Art und Weise der Realisierung (Performanz vs. Unterlassung). Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie haben differenzierte, teils überlappende Ansätze zur Konzeptualisierung des Phänomenbereichs entwickelt.

Sprachliche Gewalt kann als universelles Phänomen, als Kehrseite der ordnungsstiftenden Kraft von Sprache verstanden werden. Jede Zuschreibung und jede Appellation ist ein Akt der Gewalt, wenn auch ein Akt, dessen Gewaltsamkeit zunächst keiner moralischen Beurteilung unterliegt. Diese Gewalt freilich ist Bedingung der Möglichkeit des Sprechens und damit stets vorethisch.

Schimpfwörter als sprachliche Mittel der Beleidigung und Herabsetzung werden längst nicht mehr als lexikalische Einheiten aufgefasst, die per se die Funktion haben, den Adressierten Merkmale mit negativer Konnotation zuzuschreiben, sondern als Ausdrücke mit idiomatischer Prägung (Feilke 1996), die sich ihrer Verwendung in typisierten kommunikativen Kontexten, Situationen und Funktionen verdankt. Das invektive Potenzial sprachlicher Ausdrücke ist daher das Produkt situativer und gesellschaftlicher Kontexte sowie habitualisierter und ritualisierter Interaktionen.

Sprachliche Gewalt kann als Sprechakt im Sinne Austins aufgefasst werden. Das Äußern von Wörtern ist demnach intentionales Handeln. Damit Äußerungen gelingen, müssen sie einem sozialen Schema folgen, das u.a. soziale Rollen und Vorstellungen von institutioneller Autorität und Geltung einschließt. Äußerungen sprachlicher Gewalt müssen also institutionalisierte und ritualisierte Verfahren realisieren. Damit sich die intendierte performative Kraft entfalten und perlokutionäre Effekte eintreten können, ist die Ratifizierung durch Adressierte und ggf. auch als Zeugen fungierende Dritte notwendig.

Einige Formen Sprachliche Gewalt können auch als Unhöflichkeit (Bousfield 2008) konzeptualisiert werden. Zentraler Anker dieser Theorien ist der Face-Begriff von Goffman (1967): In der Interaktion sind die an ihr Beteiligten normalerweise darum bemüht, die Verhaltensstrategien der anderen Interaktandinnen und Interaktanden zu billigen und zu unterstützen und ihnen so ein konsistentes Selbstbild und damit einen positiven sozialen Wert zuzuweisen. Sprachliche Gewalt besteht in dieser Perspektive darin, die Verhaltensstrategien der Interaktionspartner zu durchkreuzen oder explizit zu negieren.

Postsouveräne Subjektauffassungen lenken den Blick stärker auf die Produktionsbedingungen sprachlich-gewaltsamer Äußerungen. Damit geraten auch Arten invektiven Sprechens in den Fokus des Interesses, die auf Gruppen bezogen und über Gruppenzuschreibungen motiviert sind.

In Butlers (2006) Theorie der Hassrede (Hate Speech) ist Sprechen zentrales Medium der Subjektivierung. Subjekte handeln in dem Maße, wie sie in einem sprachlichen Feld konstituiert sind, das von sprachlichen (Un-)Möglichkeitsräumen begrenzt wird. Sprechen ruft damit immer strukturelle Herrschaftsverhältnisse auf, schreibt sie wieder ein und rekonstruiert damit die strukturelle Herrschaft. Sprachliche Gewalt als Hatespeech ist in dieser Lesart die Konstitution eines (marginalisierten) Subjektes durch diskursive Mittel.

Lann Hornscheidt (2013) verortet die Möglichkeit diskriminierenden Sprechens in einem Dispositiv transdependenter Machtverhältnisse, das strukturelle Diskriminierung hervorbringt. Diskursive Diskriminierungen sind demnach durch ein Dispositiv gerahmt, das die Möglichkeitsbedingungen für diese Formen diskursiver Diskriminierungen bereitstellt. Macht wird dabei vor allem als die Möglichkeit, Normalitätsvorstellungen zu generieren, aufgefasst und korreliert mit der Verteilung von Ressourcen, seien es symbolische oder materielle. Diskriminierung ist entsprechend nicht nur ein Akt persönlicher Intentionen und Verletzbarkeiten, sondern vor allem konstituierendes Merkmal sozialer Strukturen.

Um dem breiten Spektrum des eingangs beschriebenen Paradoxons einer gleichzeitig normstiftenden wie -überschreitenden Wirkung von Herabsetzungen und sprachlicher Aggression in ausreichendem Maße habhaft zu werden, wird im vorliegenden Band ein breiter Phänomenbereich in den Blick genommen. Ausgehend von den skizzierten Großtheorien sollen zum einen die sprachlichen Realisierungsformen von Entwertungen beschreiben und analysiert und zum anderen die Effekte, die sich daraus für Einzelne, Gruppen und die soziale Ordnung ergeben, reflektiert werden.

Joachim Scharloth (Tokyo) perspektiviert in seinem Beitrag sprachliche Herabwürdigungen als Ressource für das Reflexivwerden gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen und damit als möglichen Auslöser gesellschaftlichen und kulturellen Wandels. Er geht davon aus, dass das invektive Potenzial von sprachlichen Formen und Praktiken das Ergebnis von expliziten Zuschreibungen ist, wobei die Zuschreibungen selbst auch invektiv gedeutet werden können. An Beispielen der 68er-Bewegung illustriert er, wie durch inszeniertes invektives Handeln metainvektive Debatten ausgelöst und Invektiven so ein Medium des Politischen werden können.

Indirekte Formen sprachlicher Aggression stehen im Fokus des Beitrags von Joanna Szczęk (Wrocław). Die Autorin beleuchtet dies am Beispiel der Kategorien der (Un)Höflichkeit, die als Instrumente der latenten Formen der sprachlichen Herabsetzung betrachtet werden. Es wird zugleich ein Versuch unternommen, einen Katalog der verdeckten Formen aggressiven Sprechens zu entwerfen.

Formen rationaler Argumentation, die als Formen der Verschleierung verbaler Aggression genutzt werden, sind Gegenstand der Analyse von Holger Kuße (Dresden). Der Verfasser analysiert das an Beispielen aus dem Ukrainekonflikt. Die Studie bietet einen Blick auf aggressive Argumente, aufgrund derer Argumentationen selbst aggressive Handlungen darstellen.

Im Mittelpunkt der Studie von Marcelina Kałasznik (Wrocław) stehen pejorative Metaphern im Flüchtlingsdiskurs. Die empirische Basis stellen Komposita mit dem Erstglied Flüchtling dar. Die Analyse konzentriert sich auf die Beantwortung der Fragen, worin die diskurslinguistische Relevanz der analysierten metaphorischen Zusammensetzungen besteht, und inwieweit sie herabsetzend wirken und wodurch sie ihren abwertenden Charakter entfalten.

Symbolische Gewalt kondensiert sich häufig in konkreten Sprachhandlungen als Beleidigung, Herabsetzung oder Entwertung, jedoch wird das invektive Potenzial solcher Äußerungen erst dann gesellschaftlich wirksam, wenn deren Geltungsanspruch durch eine narrative Struktur legitimiert wird. In besonderem Maße kann dabei das politische Programm fundamentaloppositioneller Parteien oder Gruppen als legitimatorische Instanz für gewaltbereites Sprechen und/oder Handeln fungieren. Im Beitrag „Narrative Legitimation invektiven Sprechens in der Politik“ von Fabian Klinker (Dresden) werden am Beispiel politischer Reden Adolf Hitlers korpuslinguistisch typische nationalsozialistische Erzählmuster beschrieben, die als konstitutiv für herabsetzendes und entwertendes Sprechen gelten können.

Invektivitätspotenzial der olfaktorischen Lexeme Stinker / Stänkerer im Deutschen und śmierdziel / śmierdziuch im Polnischen wird im Beitrag von Przemysław Staniewski (Wrocław) analysiert. Ausgehend von den Wörterbuchdefinitionen werden Beispiele aus den Korpora (DeReKo, NKJP) angeführt, anhand derer zusätzliche semantische Komponenten der analysierten Lexeme ermittelt werden und die bezeugen, dass die Geruchswörter über das Invektvitätspotenzial sowohl auf der wörtlichen, d.h. perzeptuellen, als auch auf der metaphorischen Ebene verfügen.

Die dramatischen Tragödien um terroristische Gewaltakte sind dieser Tage omnipräsent in der Medienberichterstattung. Gerade dort etabliert sich der Terrorismus neben seiner ursprünglich physischen Dimension jedoch auch als Kommunikationsstrategie, welche im Medium kollektiv induzierter Angst als eine Form der kulturellen Herabsetzung interpretiert werden kann. Die theoretische Ausdifferenzierung dieser gesellschaftlich sehr wirksamen Spielart symbolischer Gewalt wird im Beitrag „Die Angst vor Terrorismus. Emotionen in Folge von kollektiver Herabsetzung“ von Christopher Georgi (Dresden) empirisch anhand einer korpuslinguistischen Studie zur Funktionsweise der Angstkommunikation im medialen Terrorismusdiskurs nachvollzogen.

Der Beitrag „Entwertungs-Handlungen im Zuge diskursiver Radikalisierung – 'Wir sind auf verschiedenen Seiten der Barrikade'“ von Michaela Schnick (Dresden) führt das Konzept der diskursiven Radikalisierung ein, das von einer zunehmenden Entfernung von Akteur_innen-Positionen ausgeht, die anhand von topischen Strukturen und im Speziellen durch Entwertungs-Handlungen am Beispiel von Maischberger-Sendungen untersucht werden. Radikalisierung wird insofern als sprachliche Gewalt verstanden, als dass die am Radikalisierungsprozess beteiligten diskursiven Positionen potenziell verdrängt bzw. angegriffen werden.

Mihael Svitek unternimmt mit dem Beitrag „Der Ideologievorwurf“ den Versuch einer linguistischen Erstbeschreibung eines Phänomens sprachlicher Gewalt, welches zwar eher diffus und wenig offensichtlich zutage tritt, aber gerade im politischen Diskurs als gängige Argumentationspraxis eine enorme Wirkmächtigkeit erzeugt, indem es im öffentlichen Raum politischen Gegnern unter dem Verdacht ideologischer Befangenheit von vornherein eine relevante realweltliche Bezugnahme abspricht. Anhand eines Korpus von Redeprotokollen des Bundestags der 17. Legislaturperiode (2009-2013) werden in einer empirischen Analyse diverse Formen und Funktionen des Ideologievorwurfs im parteilichen Vergleich analysiert.

Verschwörungstheorien stützen sich auf alternative Wissensbestände, die es gegen gängige, sozial anerkannte Erklärungsmodelle und Wirklichkeitsbestimmungen zu etablieren und zu verteidigen gilt. Im Zuge dessen wird ein dualistisches Weltbild aufgebaut, in dem die Gegenseite als gefährlich und unehrlich dargestellt und somit entwertet wird. Wie sich diese und andere Strategien auf einer sprachlichen Ebene manifestieren, untersuchen Josephine Obert und Franz Keilholz (Dresden) mit Hilfe vergleichender korpuslinguistischer Verfahren in ihrem Beitrag „Wahrheitsoperationen bei 'alternativen Fakten': Verschwörungstheoretische Strategien zur Abwertung von Autoritäten im Medium der Sprache“.

„Pluralisierung als Relativierung von Wahrheit im ‚Informationskrieg’” lautet der Titel der Studie von Judith Felten (Dresden). Auf der Basis eines framesemantischen Vergleichs von Russia Today Deutschland und tagesschau.de wird gezeigt, dass durch das Aufzeigen immer neuer, alternativer Deutungen einzelner Fakten Wahrheit als regulative Idee entwertet wird.

Die hier versammelten Texte sollen dazu beitragen, eine Perspektive auf Praktiken sprachlicher Herabsetzung und Entwertung zu entwickeln, die nicht in der Semantik von Täter und Opfer, gut und schlecht, akzeptabel oder unschicklich aufgeht. Vielmehr soll der primär sprachkritische Blick durch eine Perspektive erweitert werden, in der invektives Handeln als fundamentaler Modus gesellschaftlicher Kommunikation einen wichtigen Beitrag zur Konsolodierung und/oder Dynamisierung sozialer, kultureller und diskursiver Ordnung leistet.

Literatur

  • Bousfield, Derek (2008): Impoliteness in Interaction. Amsterdam: John Benjamins.
  • Butler, Judith (2006): Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Feilke, Helmuth (1996): Sprache als soziale Gestalt. Ausdruck, Prägung und die Ordnung der sprachlichen Typik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Goffman, Erving (1967): Interaction ritual. Essays in face-to-face behavior. Chicago: Aldine.
  • Hornscheidt, Lann (2013): Der Hate Speech-Diskurs als Hate Speech: Pejorisierung als konstruktivistisches Modell zur Analyse diskriminierender Sprach_handlungen. In: Meibauer, Jörg (Hrsg.): Hate Speech/Hassrede. Interdisziplinäre Beiträge des gleichnamigen Workshops, Mainz 2009. Linguistische Untersuchungen. Gießener elektronische Bibliothek. S. 29-58. Online: Online
  • König, Ekkehard / Stathi, Katarina (2010): Gewalt durch Sprache: Grundlagen und Manifestationen. In: Krämer, Sybille / Koch, Elke (Hrsg.): Gewalt in der Sprache. Rhetoriken verletzenden Sprechens. München: Wilhelm Fink Verlag. S. 45-59
  • Krämer, Sybille (2007): Sprache als Gewalt oder: Warum verletzen Worte? In: Herrmann, Steffen Kitty / Krämer, Sybille / Kuch, Hannes (Hrsg.): Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung, Edition Moderne Postmoderne. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 31–48.
  • Kuch, Hannes (2010): Austin – Performative Kraft und sprachliche Gewalt. In: Kuch, Hannes / Herrmann, Steffen Kitty (Hrsg.): Philosophien sprachlicher Gewalt. 21 Grundpositionen von Platon bis Butler. Weilerswist. S. 219-240.

Kategorie: Publikationen; Keywords: Hassrede, Hate Speech, Beleidigung, Herabwürdigung, sprachliche Gewalt