Sprachliche Formen von Hassrede und Beleidigung
Ein Überblick
von josch am 2018-02-28

Die herabwürdigende Kraft sprachlicher Handlungen liegt nicht in den Wörtern selbst, sondern in den Konstellationen, Kontexten und Anschlusskommunikationen, in denen diese Wörter geäußert werden. Dennoch gibt es sprachliche Formen, die besonders häufig in invektiven Kontexten verwendet werden. Die Sprachwissenschaft hat sprachliche Muster und Äußerungstypen identifiziert, die besonders häufig in Situationen Verwendung finden, in denen die Handlungen der Beleidigung, der Herabwürdigung oder der Marginalisierung realisiert werden.

Die vollständigste Darstellung einer Pragmasemantik herabwürdigenden Sprechens hat Anja Lobenstein-Reichmann in ihrem Buch „Sprachliche Ausgrenzung im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit“ (2013) vorgelegt. Sie reichen von Bezeichnungshandlungen bis hin zu Textsorten und sollen im Folgenden von den kleinsten sprachlichen Einheit ausgehend referiert werden.

Wort und Proposition

So kann die einfache Referenzhandlung bereits als herabwürdigend gedeutet werden, nämlich dann, wenn das Nomen proprium oder das Nomen appelativum, das zur Bezeichnung einer Person oder Gruppe benutzt wird, als implizite Kurzform einer bewertenden Prädikation verstanden werden kann. Beispielsweise wurde der Ausdruck Zigeuner in der Geschichte des Deutschen zwar lange als Name eines Volkes benutzt, hatte aber zugleich einen stark negativ wertende Bedeutungsdimension (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 33). Was am Extrembeispiel der Bezeichnung Zigeuner illustriert wurde, gilt aber allgemein für jede Referenzhandlung: Eine neutrale Beschreibung der Welt ist nicht möglich, jede Bezugnahme auf Welt enthält wertende Dimensionen (vgl. Quine 1951, Austin 1962: 150).

Positionierungen können auch mittels Vergleich und Metapher vorgenommen werden. Während Vergleiche den referenzierten Gegenstand mit einem anderen Gegenstandsbereich explizit durch die Partikel wie verknüpfen, geschieht dies bei Metaphern implizit, häufig mit den syntaktischen Formen etwas ist etwas, jemand nennt etw. etw. (doppelter Akkusativ) / bezeichnet etwas als etwas (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 40). Metaphern und Vergleiche transportieren Wertungen, indem bestimmte Eigenschaften vom Vergleichsgegenstand auf den referenzierten Gegenstand übertragen werden. Eine Beispiel für die Verwendung einer Metapher, die zur Verurteilung wegen Volksverhetzung geführt hat, ist die Bezeichnung von Flüchtlingen als Viehzeug durch PEGIDA-Chef Lutz Bachmann. Das Beispiel ist insofern typisch für Metaphern, die eine herabsetzende Wirkung entfalten können, als diese häufig aus den Bildbereichen Tier, Krankheit, Katastrophe und Kriminalität entlehnt sind (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 43).

Auch Wortbildungen haben das Potenzial, Positionierungen eine negative Bedeutungsdimension zu geben. So können beispielsweise durch Ableitungen mit den Diminutivsuffixen /lein/ und /ling/ (Emporkömmling, Eindringling, Fremdling) oder durch die Präfixe /un/ (Unkraut, Unmensch) oder /unter/ (Untermensch, Untermenschentum) Negativierungen erzeugt werden (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 46). Auch einzelne Bestandteile von Komposita können dazu führen, dass die in ihnen realisierten negativen semantischen Merkmale dem Kompositum eine negative Bedeutung geben. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Komposita mit dem Determinatum /Jude/ (Sowjetjude, Reformjude, Zentrumsjude, Musterjude, Edeljude) sowie das Wort Jude selbst „zum Schimpfwort schlechthin“ (Schlosser 2013: 21f). Heute führt das Determinans /Nazi/ dazu, dass die mit ihm gebildeten Komposita eine negative Bewertung des bezeichneten Sachverhalts, Gegenstandes oder der bezeichneten Person transportieren und zwar ganz unabhängig davon, ob das Wort einen Sachverhalt aus dem historischen Nationalsozialismus bezeichnet oder nicht (Nazizeitung, Nazisprache, Nazidichter, Nazi-Treff, Nazi-Bau, Nazi-Freund, Nazi-Justiz).

Eine explizite Form der sprachlichen Herabsetzung, die von Laien oft als prototypische Form der Beleidigung aufgefasst wird, ist die Verwendung von Schimpfwörtern. Schimpfwörter „bringen eine negative Bewertung zum Ausdruck. Zusätzlich zu ihrem deskriptiven Bedeutungsanteil besitzen sie eine differenzierte expressive Bedeutung […].“ (Löbner 2003: 46) Die herabwürdigende Kraft von Schimpfwörtern ergibt sich freilich nicht aus ihrer Wortgestalt, sondern aus ihrer Verwendung im Kontext von Schimpf- und Herabsetzungshandlungen. Die von der Malediktologie zusammengestellten Schimpfwörterbücher (vgl. etwa Kappeller / Voigt 1964, Pfeiffer 1997) sind daher interessante Quellen, funktional orientierte Untersuchungen wie von Sornig (1975) und Scheffler (2000) tragen jedoch mehr zum Verständnis vom Beitrag von Schimpfwörtern zu Positionierungshandlungen bei. Fatma Oztürk Dağabakan versteht unter dem Determinatum Schimpfen die verbale Äußerung von Aggression, mit der Absicht zu beleidigen (vgl. Dağabakan 2012: 82). Steffen K. Hermann und Hannes Kuch sehen Schimpfen und Fluchen als explizite Missachtungsformeln (vgl. Hermann, Kuch 2007: 17), bei denen Schimpfwörter zum Einsatz kommen. Schimpfwörter sind in dieser Perspektive Ausdrücke mit idiomatischer Prägung (Feilke 1996), die sich ihrer Verwendung in typisierten kommunikativen Kontexten und Situationen mit konventionalisierten pragmatischen Funktionen verdankt. Spottnamen und anredende Schimpfwörter sind nach Lobenstein-Reichmann (2013: 52) „entweder einwortige illokutionäre oder kontextuell eingebettete Sprechakte, die dazu dienen zu beleidigen, zu schmähen oder auszugrenzen.“

Neben diesen lexikalischen Mitteln können explizite Prädikationshandlungen dazu genutzt werden, Positionierungen mit pejorativem Effekt zu bewirken. Prädikation bezeichnet die Zuschreibung von Eigenschaften. Prädikationen können insbesondere dann herabwürdigende, marginalisierende oder ausgrenzende Effekte haben, wenn sie Bezug auf Normalitätsvorstellungen nehmen und der präzidierten Person oder Gruppe implizit oder explizit eine Abweichung von der Norm zuschreiben. Sie glücken um so eher, je stärker die Aussagen von einem normalistischen Dispositiv (Link 1997) mitgeformt werden, weil sie dann als selbstverständlicher Teil des Wissens einer Gesellschaft gelten und damit unhinterfragbar sind. Grundsätzlich lassen sich prädikative und attributive Prädikationshandlungen unterscheiden. Prädikative Bewertungshandlungen können beispielsweise über Sätze mit einem Prädikativum und der Kopula sein realisiert (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 71) werden. In Sätzen wie „Du bist ein Idiot!“ wird der Angesprochene kategorisiert und zugleich bewertet. Bei der attributiven Bewertungshandlung werden „zwei semantische Informationen zueinander in Beziehung [gesetzt]. Aus dem Nebeneinander wird ein Miteinander, da die semantischen Merkmale der Einzelausdrücke aggregativ miteinander verwoben werden. In der Regel entsteht auf diese Weise semantisch Neues. Bei Adjektivattributen wird das zu bestimmende Substantiv durch den Inhalt des Adjektivs näher spezifiziert.“ (Lobenstein-Reichmann 2013: 75) So setzt die Beleidigung „schwule Sau“ dehumanisierendes Schimpfwort und vermeintliche sexuelle Perversion miteinander in Beziehung. Attributive Prädikationshandlungen können aber auch zur Gradierung benutzt werden (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 77), das heißt zur Codierung des Überzeugungsgrads oder der emotionalen Involviertheit des Sprechers hinsichtlich des Gehalts des substantivischen Ausdrucks („verdammter Lügner“).

Sprachliche Muster auf der satzsemantischen Ebene

Auf der satzsemantischen Ebene identifiziert Lobenstein-Reichmann den kollektiven Singular, die Aufzählung und die implizite Prädikation als sprachliche Mittel, mit denen pejorisierende Positionierungen vorgenommen werden können.

Mit dem kollektiven Singular, ganz gleich ob in Verwendung mit bestimmtem oder unbestimmtem Artikel, wird hinsichtlich einer Gruppe die Existenz eines Idealtypus insinuiert, der sich bestimmten typischen Eigenschaften der Gruppenangehörigen verdankt. Durch die Bezeichnung mit dem kollektiven Singular werden die bezeichneten Personen dann als Angehörige einer Gruppe mit den für diese Gruppe vermeintlich konstitutiven Eigenschaften klassifiziert. Pejorisierend wirkt der kollektive Singular insbesondere dann, wenn die vermeintlich konstitutiven Eigenschaften negativ bewertet werden (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 80.) Als Beispiel für eine Abwertung durch den Gebrauch des kollektiven Singulars kann ein auf faz.net erschienener Artikel über die Personenkontrollen im Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2016/2017 dienen, der schon in der Überschrift mit einem Kollektivsingularen operiert: „Sehr populistische Fragen an den Nafri, Politik und Polizei nach Köln“. Die negative Bedeutung der Klassenbezeichnung „Nafri“ wird (unter anderem) durch die in eine Frage verkleidete Zuschreibung einer negativen Eigenschaft deutlich: „Warum geht von Dir und Deinen Freunden ‚Grundaggressivität‘ aus?“ (Man beachte die Du-Anrede.)

Die Aufzählung kann dann dazu beitragen, dass positionierende Bezeichnungen eine negativ wertende Bedeutung bekommen, wenn die immer gleichen Elemente miteinander so oft in Beziehung gesetzt werden, dass sie als festes sprachliches Muster wahrgenommen werden. In der Aufzählung werden die einzelnen Glieder zwar als distinkt dargestellt, zugleich aber unter einem bestimmten Gesichtspunkt als Teil eines Gemeinsamen subsummiert, „semantisch unter einem bestimmten, ihnen allen gemeinsamen Aspekt gefasst“ werden (Lobenstein-Reichmann 2013: 83). Auch wenn das Gemeinsame nicht explizit genannt wird, wird es doch von kompetenten Hörern erschlossen. Wird dieses Gemeinsame negativ bewertet, erfolgt eine abwertende Positionierung der bezeichneten Gruppen wie beispielsweise in der Aufzählung Juden, Kapitalisten und Bolschewisten, die von Nationalsozialisten häufig benutzt wurde, um den vermeintlichen jüdischen Bolschewismus zu referenzieren. „Bisher Eigenständiges erfährt eine Semantisierung als Gruppe, durch die es neu negativ beeigenschaftet wird.“ (Lobenstein-Reichmann 2013: 84)

Ähnlich wie die Aufzählung ohne explizite Nennung einer negativen Eigenschaft zu pejorativen Positionierungen führen kann, so können allgemein durch Präsuppositionen implizite Prädikationen gemacht werden, durch die die referenzierten Personen oder Gruppen abwertend positioniert werden. Präsuppositionen sind das für das Verständnis einer Aussage notwendige, aber stillschweigend vorausgesetzte Wissen. In Aussagen der Identitären Bewegung wie „Wir lassen uns nicht austauschen!“ ist das Ideologem, nach dem die Regierung der Bundesrepublik daran arbeitet, auf Geheiß der USA und anderer Mächte die autochthone Bevölkerung durch Migranten zwecks Ausmerzung des Deutschtums zu ersetzen, als Wissen vorausgesetzt. Neben solchen konstruktionellen Präsuppositionen können auch einzelne Lexeme ganze Wissensbereiche aufrufen, ohne sie zu explizieren (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 90). So setzt das Lexem Umvolkung die Existenz eines homogenen Volkes voraus, dessen Existenz dadurch bedroht ist, dass es durch ein anderes Volk ersetzt wird, und dass dieser Prozess der Ersetzung bereits in Gang ist. Präsuppositionen nutzen demnach Normalitätsvorstellungen als Positionierungsressource und erscheinen deshalb besonders plausibel und unmittelbar evident.

Weitere Muster

Über die hier referierten Mittel hinaus existieren weitere musterhafte sprachliche Formen, die häufig Verwendung finden, wenn negative Positionierungen vorgenommen werden. Dazu zählen auch Textsorten wie der Fluch (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 126-137), die Invektive oder der Rant, kommunikative Gattungen wie die Wutrede (Meier 2016), aber auch Formen der Nichtthematisierung wie der Namensentzug und die Tabuisierung (vgl. Lobenstein-Reichmann 2013: 65).

Literatur

  • Austin, John L. (1962): How to do things with words. The William James Lectures delivered at Harvard University 1955. Oxford: Calrendon Press.
  • Dağabakan, Fatma Oztürk (2012): Die Fluchwörter und Verwünschungen im Deutschen und im Türkischen. In: Zeitschrift für die Welt der Türken, Heft 4, S. 79-98.
  • Feilke, Helmuth (1996): Sprache als soziale Gestalt. Ausdruck, Prägung und die Ordnung der sprachlichen Typik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Herrmann, Steffen Kitty / Kuch, Hannes (2007): Verletzende Worte. Eine Einleitung. Herrmann, Steffen Kitty / Krämer, Sybille / Kuch, Hannes (Hrsg.): Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung. Bielefeld: transcript.
  • Kapeller, Ludwig / Voigt, Helmut (1964): Das Schimpfbuch. Von Amtsschimmel bis Zimtziege. Herrenalb/ Schwarzwald: Erdmann.
  • Link, Jürgen (1997): Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Lobenstein-Reichmann, Anja (2013): Sprachliche Ausgrenzung im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Berlin / Boston: de Gruyter.
  • Löbner, Sebastian (2003): Semantik. Berlin, New York: De Gruyter.
  • Meier, Simon (2016): Wutreden – Konstruktion einer Gattung in den digitalen Medien. In: ZGL 44(1): 37-68.
  • Pfeiffer, Herbert (1997): Das große Schimpfwörterbuch. Über 10000 Schimpf-, Spott- und Neckwörter zur Bezeichnung von Personen. Frankfurt am Main: Eichborn.
  • Scheffler, Gabriele (2000): Schimpfwörter im Themenvorrat einer Gesellschaft. Marburg: Tectum.
  • Schlosser, Horst Dieter (2013): Sprache unterm Hakenkreuz. Eine andere Geschichte des Nationalsozialismus. Köln, Weimar, Wien: Böhlau.
  • Sornig, Karl (1975): Beschimpfungen, in: Grazer Linguistische Studien, Heft 1, S. 150-170.
  • Quine, Willard Van Orman (1951): Two Dogams of Empiricism. In: The Philosophical Review 60, S. 20-34.

Kategorie: Linguistik, Definitionen; Keywords: Hassrede, Hate Speech, Beleidigung, Herabwürdigung, sprachliche Muster

Als die "politische Korrektheit" nach Deutschland kam
Ein Blick zurück in die 1990er Jahre
von josch am 2017-01-07

"Sprich so, dass du niemanden beleidigst, Minderheiten nicht ausgrenzt und Respekt gegenüber allem zeigst, was für andere einen Wert hat." Das ist der kategorische Imperativ der Linken. Um Sprechen als ihrem kategorischen Imperativ gemäß zu ratifizieren, haben Linke den Ausdruck "politisch korrekt" / "politically correct" geprägt, den sie wie ein Gütesiegel verleihen. Umgekehrt verurteilen sie Sprechen, das gegen den Imperativ verstößt, als "politisch inkorrekt" / "politically incorrect". Wenn wir "politisch korrekt" sprechen, dann wird unsere Gesellschaft inklusiver, dann gibt es weniger gruppenbezogene Konflikte und weniger Gewalt. Deshalb sind Linke der Meinung, alle Menschen sollten "politisch korrekt" sprechen. — Wirklich?

Ein Blick in die frühen Verwendungsweisen des Begriffs in den USA und Deutschland erzählt eine ganz andere Geschichte, die auch für die gegenwärtige Bedeutung des Ausdrucks "politischer Korrektheit" hochrelevant ist. Diese Geschichte soll im Folgenden erzählt werden.

"politically correct" - eine (selbst-)ironische Wendung in der New Left

Die ersten Belege für den Ausdruck "politically correct" finden sich in kommunistischen, leninistischen, marxistischen und stalinistischen Gruppen in den USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit ihm wurden abschätzig und ironisch Personen bezeichnet, für die die Parteilinie wichtiger war als die mit dem Sozialismus verfolgten Ideale und die Utopie einer besseren Gesellschaft. In den 70er Jahren wurde der Ausdruck in der New Left, insbesondere auch in der Frauenbewegung und im Black Power Movement verwendet, allerdings meist selbstironisch, um die Gefahren von Orthodoxie und Dogmatismus in den eigenen Reihen zu reflektieren. Der Ausdruck "politically correct" wurde also von den linken Bewegungen in den USA nicht affirmativ sondern nur uneigentlich verwendet. "Politically correct" zu sein war kein positiver Wert; niemand forderte ernsthaft, man möge "politically correct" sein - im Gegenteil.

Konservative Aneignungen des Begriffs "Political Correctness"

Eine fundamentale Veränderung des Bedeutungsgehalt des Ausdrucks "politically correct" beginnt in den späten 1980er Jahren. In diesem Kontext nennt die Forschung immer wieder Allan Blooms Buch "The Closing of the American Mind" (1987), das eine Fundamentalkritik der amerikanischen universitären Bildung enthält. In ihm kommen zwar die Ausdrücke "politically correct" oder "political correctness" nicht vor, die in ihnen später verdichteten argumentativen Muster jedoch werden hier ausführlich ausgebreitet. Seine Kritik macht die an den Universitäten gelehrten philosophischen Strömungen und literaturwissenschaftlichen Methoden für einen Mangel an Orientierung und fundamentalen Werten bei den Studierenden verantwortlich, die sie für radikale (linke) Ideologien anfällig machen würden. Zeitgleich begannen Printmedien, den Begriff der "political correctness" zu benutzen, um sich über den konsumkritischen Lebensstil der Neuen Linken lustig zu machen ("politcally correct coffee beans"), und konservative Studierende nutzten ihn als Kampfbegriff gegen multikulturell orientierte Dozierende. Popularisiert wurde der Begriff durch einen Artikel von Richard Bernstein in der New York Times vom 28.10.1990 mit dem Titel "The Rising Hegemony of the Politically Correct", in dem er über eine Konferenz zum Thema "'Political Correctness' and Cultural Studies" an der University of California in Berkeley berichtete und eine konservative Aneignung des Begriffs konstatierte:

But more than an earnest expression of belief, "politically correct" has become a sarcastic jibe used by those, conservatives and classical liberals alike, to describe what they see as a growing intolerance, a closing of debate, a pressure to conform to a radical program or risk being accused of a commonly reiterated trio of thought crimes: sexism, racism and homophobia.

Mit dieser Bedeutung machten die Ausdrücke "politically correct" und "political correctness" eine rasante Karriere als politische Schlagwörter. Die Belegzahlen in den Printmedien steigen in den frühen 90er Jahren massiv an und werden zu einem Teil des politischen Wortschatzes der US-Gesellschaft.

Das Schlagwort "political correctness" wurde in den USA also von konservativer Seite geprägt und zwar als politischer Kampfbegriff, der dazu benutzt wurde, universitäre Lehrpläne, in der amerikanischen New Left entwickelte Lebensstile und politische Ziele der Neuen Linken als Einschränkung der Meinungsäußerung zu denunzieren. Von linker Seite gab es keinen positiven Bezug auf "political correctness", schon gar nicht war "political correctness" die Bezeichnung für eine Doktrin oder ein politisches Programm. Die Verwendung des Wortes "Political Correctness" verdichtet also ein Strohmann-Argument, das gegen eine absichtlich verzerrt dargestellte Position des politischen Gegners gerichtet ist.

Wie der Strohmann der "politischen Korrektheit" nach Deutschland kam

Am Beispiel von DER SPIEGEL und DIE ZEIT, zwei Publikationsorganen, die nicht im Verdacht stehen, besonders konservativ zu sein, soll im Folgenden gefragt werden, ob es zumindest in Deutschland einen affirmativen Bezug auf "politische Korrektheit" gab.

Die frühesten Belege finden sich im SPIEGEL im Jahr 1991. In einem Artikel mit dem Titel "Inquisition und Zensur" vom 20.5.1991 wird ausführlich über "political correctness" an amerikanischen Universitäten berichtet. Schon die Überschrift lässt erahnen, dass die "politische Korrekten" nicht gut wegkommen werden, und so perspektiviert der gesamte Artikel die Entwicklung ausschließlich vom Standpunkt der vermeintlich Unterdrückten: "Hinter der Bewegung der 'politisch Korrekten' wittern sie nicht ein Mehr an Aufklärung und Toleranz, sondern neue Unduldsamkeit, die heraufziehende Diktatur der Selbstgerechten." Und selbst George Bush wird als Gewährsmann angeführt: "Vor seinem Herzflimmern attackierte Präsident Bush an der Universität von Michigan den Begriff 'politisch korrekt', der zu 'Inquisition, Zensur und Unterdrückung' führe." Zwar wird im Artikel auf eine "Bewegung der 'politisch Korrekten'" Bezug genommen, zu Wort kommen aber lediglich "PC-Gegner", von denen sogar berichtet wird, sie hätten sich in einer Organisation namens "National Association of Scholars" zusammengeschlossen. Personen, die für sich in Anspruch nehmen, für "politische Korrektheit" einzutreten sind Fehlanzeige. Der zweite SPIEGEL-Text aus dem Jahr 1991, in dem auf "politische Korrektheit" Bezug genommen wird, ist ein Artikel vom 23.12.1991 über Henry Miller mit dem Titel "Dunkles Herz des Sexismus". Darin verteidigt die Autorin Miller mit den Worten "Henry ist mißverstanden worden, von Feministinnen wie von Ideologen, denn nach heutigen Maßstäben ist er 'politisch nicht korrekt'. Ich meine, daß man einen Schriftsteller so nicht beurteilen darf." Im Artikel werden Personen, die mangelnde "politische Korrektheit" gegen Henry Miller ins Feld führen, als Ideologen und Tugendwächter charakterisiert. Die Semantik von "politisch korrekt" ist also hier ein ideologisch bedingtes Missverstehen.

In der ZEIT sieht es nicht anders aus. Der erste Beleg für "politisch korrekt" findet sich am 12. Juni 1992 in dem Artikel "Schöne neue Wörter" von Vera Graaf, der Besprechung eines Wörterbuchs der politisch korrekten Sprache. Schon die Anspielung an die deutsche Übersetzung des Huxley-Romans "Brave New World" im Titel zeigt, wohin die Reise geht, nämlich hierhin:

"Niemandem wollen die politisch Korrekten zu nahe treten – nicht mal einer Topfpflanze. Alle Lebewesen haben ihre Rechte und verdienen unseren Respekt. Aus diesem Grunde bietet sich eine völlig neue, nichtsexistische, nichteurozentrische, aufklärerische Umgangssprache an, die zum Beispiel eine Topfpflanze nicht mehr als solche, sondern als 'botanischen Begleiter' charakterisiert."

Was die Autorin allerdings zu erwähnen vergisst: Bei dem Buch handelt es sich um eine Satire, nämlich um "The Official Politically Correct Dictionary and Handbook" von Henry Beard und Christopher Cerf, in dem der beschriebene Typus gelungen aufs Korn genommen wird. Stattdessen suggeriert die Autorin, es handle sich bei den genannten sprachreformerischen Wortschöpfungen um ernstgemeinte Vorschläge von akademischen "Politmissionaren" und "aufgeklärten Multikulturalisten". Man kann also festhalten: "Politische Korrektheit" kam als (als solche nicht gekennzeichnete) Satire auf "Politische Korrektheit" in die ZEIT. "Politische Korrektheit" ist auch hier ein Begriff, der dazu diente, vermeintliche Bemühungen um mehr Sprachsensibilität ins Lächerliche zu ziehen.

Das Jahr 1993 ist dann das Jahr, in dem die Bezeichnung "politische Korrektheit" und verwandte Ausdrücke sich im öffentlichen Diskurs durchzusetzen beginnen. Im SPIEGEL:

Frequenz der Ausdrücke "politische Korrektheit" und "politisch korrekt" sowie verwandter Ausdrücke im SPIEGEL je 1 Million Wörter

Und in der ZEIT:

Frequenz der Ausdrücke "politische Korrektheit" und "politisch korrekt" sowie verwandter Ausdrücke in der ZEIT je 1 Million Wörter

Um zu zeigen, dass die Ausdrücke "politisch korrekt" und "Politische Korrektheit" niemals im Sinn einer positiv besetzten linken Sprachkritik, sondern im Sinn des Schlagworts der amerikanischen Neuen Rechten gebraucht wurden, seien im Folgenden sämtliche Belegstellen aus 1993 angeführt:

Belegstellen in der ZEIT:

So konnte auch August Everding, der umtriebige Intendant am Hof des bayerischen Ministerpräsidenten, endlich politisch korrekte Flagge zeigen. 1993-02-01 Quelle
Ich hasse den Konformitätsdruck, der sich heutzutage " political correctness " nennt. 1993-03-01 Quelle
Diese Forderung ist vernünftig und richtig und " politically correct ", da sind wir uns einig. 1993-03-01 Quelle
Ihren Katalog der modischen " political correctness " kennen sie nicht nur auswendig, sie leben ihn auch. 1993-03-22 Quelle
Politisch korrekt ist es, gegen Neonazis zu sein, gegen die Unterdrückung der Frauen und der Schwarzen und der Indianer und der Schwulen. 1993-04-12 Quelle
Die politisch korrekte Show im Whitney Museum rennt mit Kriegsgeheul offene Türen ein : 1993-04-12 Quelle
"Jede Haltung ist möglich nach diesem Abend - sogar die politisch korrekte . 1993-04-12 Quelle
Die politisch korrekten , eine Sprach- und Denkpolizei radikaler Minderheiten, kontrollieren nicht nur Vorlesungsverzeichnisse oder Feuilletons - sie beherrschen jetzt eine New Yorker Museumsschau. 1993-04-12 Quelle
Lust, Witz und Ironie sind den politisch Korrekten ohnehin fremd. 1993-04-12 Quelle
Die Kampf-Antwort der politisch Korrekten : Aufkündigung der ideellen Zugehörigkeit zur amerikanischen Gesellschaft, moralische Rechtfertigung der Gewalt wie etwa der Plünderungen von Los Angeles. 1993-04-12 Quelle
romantische Selbstafrikanisierung - einer der verlogensten Mythen der politisch Korrekten . 1993-04-12 Quelle
Vor allem aber: romantische Selbstafrikanisierung - einer der verlogensten Mythen der politisch Korrekten . 1993-04-12 Quelle
Politische Korrektheit ist zur Neusprechfloskel geworden, die in Wahrheit Inkorrektheit bedeutet, eine Liturgie der inhumanen Denk- und Kampfschablonen, des linken Konformitätsdrucks und letztlich der Zensur. 1993-04-12 Quelle
Politische Korrektheit schlägt Kapital aus dem schlechten Gewissen des Establishments, und es hat Grund dazu, denn die Verfehlungen lauern überall. 1993-04-12 Quelle
Die Schau im Whitney Museum zeigt politische Korrektheit als einen Diskurs der Fraktionierung. 1993-04-12 Quelle
Politische Korrektheit ist die Ideologie der gesellschaftlichen Fragmentierung, und sie profitiert von paranoiden Vorstellungs-Systemen. 1993-04-12 Quelle
" Politische Korrektheit ", so der Historiker Arthur Schlesinger, Kennedys liberaler Berater, " droht ein Mittel zur Kontrolle von Curricula und Fakultäten zu werden. 1993-04-12 Quelle
Doch auch diese Arbeit wird schnell von der Penetranz politischer Korrektheit eingeholt - durch den Hinweis darauf, man möge sich doch " bitte nicht lustig machen " über den kunstvoll arrangierten Kitsch in der Puertoricaner-Wohnung, der " meist unter vielen Entbehrungen zusammengetragen worden ist ". 1993-04-12 Quelle
SPIEGEL-Reporter Matthias Matussek über die Kultur der " Politischen Korrektheit " in den USA. Ein Kampfbegriff der Black-Power-Bewegung aus den sechziger Jahren macht erneut Karriere 1993-04-12 Quelle
Nach den Regeln der politischen Korrektheit wird damit jeder, dem die Offensiven schwuler Selbstdarstellung auf die Nerven gehen, zum reaktionären Heterosexisten. 1993-04-12 Quelle
Als ein eigener schwuler Block im traditionellen irischen "St. Patrick's Day"-Umzug in New York von den Organisatoren untersagt wurde, blieb Bürgermeister David Dinkins dem Umzug - aus Gründen der politischen Korrektheit - fern. 1993-04-12 Quelle
In Zukunft, erwiderte ein empörter Kritiker, dürfe auch Richard III., aus Gründen der politischen Korrektheit , nur noch von Buckligen gespielt werden. 1993-04-12 Quelle
Doch sie sind vor einigen Wochen abmontiert worden - aus Gründen der politischen Korrektheit . 1993-04-12 Quelle
Und er würde sich später totlachen über die Begeisterung, mit der der weiße, liberale Mittelstand büßt im Fegefeuer der politischen Korrektheit und deren Chiffren zu enträtseln versteht. 1993-04-12 Quelle
Wie verstörend aber für diese Klientel, was sich seit einigen Wochen im "Orpheum"-Theater im East Village Manhattans abspielt: eine Monstertragödie zur politischen Korrektheit , seit Monaten ausverkauft 1993-04-12 Quelle
In diesem bitterbösen Theaterthriller führt David Mamet vor, wie der Jargon der politischen Korrektheit zur nahezu tödlichen Waffe werden kann. 1993-04-12 Quelle
Er richtet sich an eine neue Klientel, die gelernt hat, jede Äußerung - und erst recht jede Kunstäußerung - auf das abzutasten, was sie " political correctness " nennt 1993-04-12 Quelle
Ein Schuß Selbstironie ist dabei und ein wenig modischer Feminismus, der den Glamour-Trip ins politisch Korrekte wendet und ihr, etwa bei Marie Claire, den Ruf der "zutiefst emanzipierten Sexbombe" einbringt. 1993-05-10 Quelle
Er liefert eine Vivisektion des verrotteten Nihilismus der Reagan-Jahre und der selbstgerechten, politisch korrekten Besserwisserei der neuen Ära. 1993-05-10 Quelle
Ein Stationendrama wie etwa "Groß und klein", das den Szenejargon der politisch Korrekten ebenso vorführt wie das heilige Stammeln, die Übersteigung, die Suche nach Erlösung. 1993-05-10 Quelle
Doch es gibt auch Mode, die furchtbar " politically correct " ist. 1995-05-15 Quelle
Ein amtlicher Vertreter der " political correctness " wird bei der Lektüre der Protokolle aus dem Kreuzeschlagen gar nicht mehr herauskommen. 1993-05-17 Quelle
" Politically correct ", im abkürzungswütigen Amerika "PC" genannt, heißt, an den Universitäten alle Anzeichen von verstecktem Rassismus, Sexismus und Klassenvorurteilen aus Sprache und Verhalten zu eliminieren. 1991-05-20 Quelle
Kaum war ihr Werk, das so gar nicht " politically correct ", ja geradezu eine Mustersammlung aller möglichen Rassen- und Klassenverachtung ist, in Los Angeles angelaufen, da fielen auch schon Vertreter diverser Randgruppenvereinigungen über sie her : 1993-05-31 Quelle
Sicher, da sind die langweiligen, triumphierenden Kanzelreden der drei großen Religionen politischer Korrektheit : schwarze, schwule oder feministische Kämpferromantik. 1993-06-07 Quelle
Nur eine "liebevoll kritische Infragestellung der Haacke-Rechthaberei", sagt der österreichische, nahe Venedig lebende Künstler Peter Friedl, 32. Hans Haackes deutscher Biennale-Beitrag, die sarkastisch-destruktive " Germania"-Installation ( SPIEGEL 24/ 1993 ), sei ihm als " politisch korrekt " auf die Nerven gegangen. 1993-07-05 Quelle
Zugunsten krebskranker Kinder hatte Manhattans versnobte Caritas-Boheme 500 Dollar pro Ticket für die Voraufführung des Films "Die Firma" bezahlt; und sich dafür einen Abend erhofft, der Wohltätigkeit und Nervenkitzel politisch korrekt kombiniert. 1993-07-12 Quelle
Jamiroquai läßt alle Rüpelhaftigkeiten des Rock'n'Roll vergessen und versucht wohl als erste Pop-Band der Geschichte, die Forderung nach " political correctness " zu erfüllen. 1993-08-09 Quelle
Dagobert Lindlau, Buchautor und TV-Journalist, über Political Correctness in den Medien 1993-09-20 Quelle
Doch er entgeht den Verlogenheiten des liberalen, politisch korrekten Establishments, die jeden bewaffneten Schwarzen oder Latino zum Freiheitskämpfer umlügen. 1993-10-04 Quelle
In Zeiten, da die Werte Ronald Reagans demonstrativ zertrümmert werden sollen, sind sie so glaubwürdig, daß sie als Boten einer neuen, politisch korrekten Ära taugen, aber auch amerikanisch genug, um nicht wie eine Radikalenband vom Schlage Nirvanas alles gleich wieder in Frage zu stellen. 1993-10-11 Quelle
Zu besichtigen war ein elegant gebautes, glänzend gespieltes Zwei-Personen-Drama, das sich des in den USA so hoch gehandelten Reizthemas " political correctness " bloß bedient, um die modernen Mechanismen der Macht zu entblößen, das Täuschen und Tarnen mit Sprache. 1993-10-11 Quelle
In den Zeiten von " political correctness " verändern nicht Taten, sondern Worte die Welt. 1993-10-11 Quelle
Daß ihre Ehrung nun als Fall von " political correctness " denunziert wird, ohne Ansehen ihres literarischen Niveaus (...) wird sie wenig überraschen. 1993-10-11 Quelle
"Auf eine Art ist die Serie dennoch politisch korrekt : Sie erinnert Amerika an seinen Sexismus und Rassismus und die anderen verdrängten Probleme 1993-10-18 Quelle
"Tragödie plus Gegenwart" ist Judges Interpretation der Beavis- und Butt-Head-Episoden, die das Gegenprogramm nicht nur zu Clintons Propaganda vom besseren Amerika, sondern auch zum politisch korrekten Image von MTV sind. 1993-10-18 Quelle
"Ted und ich wollten nicht politisch korrekt sein. Wir wollten einfach nur Spaß haben." 1993-10-25 Quelle
Da sieht man, wie sich jählings " political correctness " ausbreitet. 1993-10-25 Quelle
Er spielt dieses Fossil, das in Wahrheit lebendiger (weil anfälliger) als all die anderen ist, in der neuen braven Welt der " political correctness ". 1993-10-25 Quelle
"Viele trauen sich nicht, zu sagen, daß sie für mich stimmen, weil es politisch nicht korrekt ist. 1993-11-01 Quelle
Dieter E. Zimmer hat in der Zeit beklagt, es sei der Altar der PC (" political correctness "), der altbornierten politischen Richtigkeiten, auf dem all diese Haßlieblinge des öffentlichen Diskurses unters Messer kämen. 1993-11-15 Quelle
Das Pathos und das Vokabular der " political correctness " ist der bevorzugte Dialekt der ganzen Moderne; 1993-11-15 Quelle
Die Künstler, die auf den CDs zu hören sind, nennen sich allerdings "Böhse Onkelz" und gelten als politisch nicht korrekt . 1993-11-15 Quelle
Sie nahmen sich vor, ehrlich und politisch korrekt Karriere zu machen. 1993-12-06 Quelle
Nichts, schon gar nichts, was nach herrschender Meinung als " politisch korrekt " zu gelten hat, ist Limbaugh heilig. 1993-12-06 Quelle
Zwei Produktionen des politisch korrekten Linksdogmatikers laufen schon 1993-12-27 Quelle
Und für jene, die zwar auf nichts verzichten aber trotzdem zur politisch korrekten Anti-Materialismus-Fraktion gehören wollen, haben die Modeschöpfer längst die perfekte Verkleidung entworfen : 1993-12-27 Quelle
"Der Verdruß über die Parteien trifft sich bei der Generation X mit hohen moralischen Ansprüchen und fundamentalistischen Forderungen nach politischer Korrektheit . 1993-12-27 Quelle

Belegstellen in der ZEIT:

Minderheitensprachen – im politisch korrekten EG-Jargon: "weniger verbreitete Sprachen" – sind in Mode. 1993-01-29 Quelle
Traurig auch, wie Wolfgang Kohlhaase („Inge, April und Mai“) und Thomas Mitscherlich („Die Denunziantin“) ihre Geschichten und Schauspieler mißhandeln, immer im Dienst der richtigen Gesinnung, der politischen Korrektheit , der pädagogischen Pflicht. 1993-02-26 Quelle
Tatsächlich hatte sich Spike Lee jahrelang um die Verfilmung von Malcolms Biographie bemüht, hatte, wenn es sein mußte (und es mußte ja sein!), beispielsweise Norman Jewison aus dem Geschäft gedrängt mit der Begründung, er als Weißer habe kein Recht auf einen Film über Malcolm X, den dürfe nur ein Schwarzer drehen, beispielsweise Spike Lee. Das nennt man neuerdings "politisch korrekt" oder kurz und amerikanisch PC. 1993-03-05 Quelle
Gegen die furchtbare und unaufhaltsame Bilder- und Geschichtenlähmung, die das europäische Kino am Ausgang des Jahrhunderts befallen hat, gegen die politische Korrektheit und verzagte Biederkeit der amerikanischen independent movies, gegen die Postkarten-Ästhetik und den falschen westlichen Touch der Filme aus der Dritten Welt. 1993-05-28 Quelle
Die Wächter über das, was - nach Vorbild des modernen Meinungsterrors an amerikanischen Universitäten - politically correct (p c) und damit zulässig ist und was als unkorrekt dem Meinungsverbot unterhegt, waren unerbittlich. 1993-06-18 Quelle
Wem die Einwanderungswelle aus Asien nicht paßt, trägt seine Ablehnung mit der Wortschöpfung „Hongcouver“ auf dem T-Shirt spazieren. Zumindest in der veröffentlichten Meinung jedoch gilt dieses Gehabe als rassismusverdächtig und keineswegs politically correct . 1993-07-02 Quelle
Der Appell seiner vierzig wachsamen Kollegen sei nicht nur völlig disproportioniert (vierzig gegen einen!) und unsympathisch, er sei gefährlich, weil politically correct : „Der Appell beweist, daß der Antirassismus wirklich diskutiert werden muß. Er denunziert einen Mann und macht dabei eine Liste mit allen Themen, über die es verboten ist nachzudenken. Er schreibt einem vor, wie man denken muß, um nicht das Spiel der extremen Rechten zu spielen. 1993-08-06 Quelle
Das ist alles politically correct , pädagogisch wertvoll und außerdem mündlich überliefert. 1993-08-27 Quelle
Am Rande sei vermerkt, daß mancher Anhänger der moralisch-politischen Korrektheit "Obszönität und Gewalt" wegen seines expliziten sadistisch sexuellen Wort- und Bildmaterials im Giftschrank verschließen müßte. 1993-08-27 Quelle
Nachdem auch der Yuppie in Wai-Tung einen kleinen Dämpfer bekommen hat, die Frauen- und die Homosexuellenfrage politisch korrekt touchiert wurden und jede Person Gelegenheit hatte, menschliche Größe zu zeigen, ist das mittelständische Modernisierungsopfer vollzogen. Es ist der schiere Kitsch. 1993-10-15 Quelle
Dennoch fügte man ihr das bitterste Unrecht zu, würde ihr Werk in die Nische der "schwarzen Literatur" gepfercht – falls sie nicht nur einer Theorie der Verlegenheit und der Notwehr entspricht: Produkt eines negativen Rassismus, der unter der ideologischen Standarte "politischer Korrektheit" der Gesellschaft Amerikas einen neuen und grundgefährlichen Separatismus aufzuzwingen versucht. 1993-10-15 Quelle
Die Suche nach neuen Gewißheiten wird jedenfalls unfruchtbar bleiben, wenn "nichts in Frage gestellt werden darf, wenn also nach dem Muster der political correctness vorab Denkverbote erteilt werden, statt daß die Denkergebnisse anschließend kritisiert werden. 1993-10-15 Quelle
durch Eltern, durch Schulen und Sozialpädagogik - und dadurch natürlich, daß die Medien nur die jeweils politisch korrekten Meinungen verbreiten (Denn einerseits bekennt sich die PC routinemäßig zum mündigen Bürger, der sich selber sein Urteil bildet; andererseits traut sie dieser Mündigkeit nicht über den Weg.) 1993-10-22 Quelle
Gesagt und am besten auch gedacht werden dürfe nur noch, was pc sei, politically correct . 1993-10-22 Quelle
Die PC ist unbarmherzig dichotomisch: Was nicht politisch korrekt ist, ist eben unkorrekt. Grauzonen des Zweifels räumt sie nicht ein, Zickzackprofile gehen über ihren Horizont: Wer das Lager der PC in einem Punkt verläßt, wird sofort in das des Feindes eingewiesen. 1993-10-22 Quelle
Andreottis Wort vom Pangermanismus löste einen Aufschrei aus, ähnlich Maggie Thatchers Warnungen vor Deutschlands Größe. Das war nicht politically correct . 1993-10-29 Quelle
Aber Dieter E. Zimmer erhebt seinen Vorwurf, wenn ich ihn recht verstanden habe, ja auch weniger gegen Maßnahmen der staatlichen Verwaltung oder gegen Erscheinungen im akademischen Milieu als vielmehr gegen die political correctness an sich [...]. 1993-10-29 Quelle
Für ihn ist multikulturelle Vielheit nicht ein innenpolitischer Wert, nicht die politisch korrekte Gesinnung, sondern eine Überlebensfrage Europas. 1993-11-19 Quelle
Welches nämlich nicht politisch korrekte Verklemmung ist, sondern das schiere Leben in lauter Unvereinbarkeiten. 1993-11-26 Quelle
Frei von Schuld - weder Vichy Franzose noch Hitler-Deutscher - erlaubt sich Tomi Ungerer noch heute Scherze , die den politisch korrekten Geschmack verletzen 1993-12-03 Quelle

Die Belegstellen zeigen, dass "politische Korrektheit" assoziiert ist mit Langweiligem und Biederem, mit Humorlosigkeit und Ironieunfähigkeit, soweit es um Kunst und Kultur geht. Im Politischen wird sie als "Ideologie", "Fundemantalismus", "Orthodoxie", als "Verlogenheit" und "Besserwisserei" bezeichnet, ja als "Faschismus" und als "Waffe" im Meinungskampf. Die Belegstellen zeigen zudem: Es gibt selbst in den linksliberalen Publikationsorganen niemanden, der "politische Korrektheit" fordert; niemanden, der "politische Korrektheit" lobt oder verteidigt. Interessantes Faktum am Rand: Der Autor, der im SPIEGEL die meisten Belege beigesteuert hat, ist Matthias Matussek (besonders hier, aber auch hier, hier und hier). An der Prägung des Begriffs der "politischen Korrektheit" im öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik wirkten also Personen maßgeblich mit, die nicht gerade im Verdacht stehen, "linke" Sprachkritik für eine legitime Forderung zu halten.

"Politische Korrektheit" im Diskurs

"Politische Korrektheit" kam demnach als politisches Schlagwort von Konservativen und vor allem der Neuen Rechten aus Amerika nach Deutschland. Dieses Schlagwort verdichtete und verdichtet noch heute ein Strohpuppen-Argument, ein Argument, das ein Anliegen des politischen Gegners so verzerrt, dass es per se als unsinnig oder illegitim erscheint. Dieses Argument lautet: "Politisch korrekt" ist nur in politischer Hinsicht korrekt, in anderer Hinsicht aber falsch. Politische Rücksichtnahme verbiete es vielmehr, die Wahrheit zu sagen, die Dinge zu benennen, wie sie wirklich sind. Wer also die Wahrheit sagen möchte, der ist gezwungen, sich "politisch inkorrekt" auszudrücken. Schuld daran, dass es "politische Korrektheit" gibt, haben "Linke", "Linksdogmatiker", "radikale Minderheiten", "pseudoliberale akademische Eliten", das "publizistische Establishment" oder die "Systempresse" - ganz nach Belieben. Ihren Ursprung hat die "politische Korrektheit" in den 1960er Jahren in Amerika, wo Minderheiten für sich erstmals das Recht in Anspruch nahmen, einer ganzen Gesellschaft vorzuschreiben, wie über sie geredet werden soll. Mit den Neuen Sozialen Bewegungen kam die Idee der "politischen Korrektheit" nach Deutschland und wirkt wie ein Gift lähmend auf den politischen Diskurs.

Wer etwas als "politisch korrekt" bezeichnet oder über "politische Korrektheit" spricht, der sollte sich dieser Begriffsgeschichte und der Bedeutung von "politischer Korrektheit" bewusst sein. Der sollte sich klar darüber sein, dass er damit das Strohpuppenargument aufruft und letztlich eine Bewertung vornimmt: Was als "politisch korrekt" bezeichnet wird, kann nichts Gutes sein.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Selbstverständlich gibt es Sprachkritik und Forderungen nach mehr Sprachsensibilität von "Linken" wie von "Rechten". Das ist Teil des politischen Diskurses. Das einseitige Framing "linker Sprachkritik" als "politische Korrektheit" ist allerdings vor dem Hintergrund der Begriffsgeschichte fragwürdig.

Welche diskursive Funktion der Begriff hat, analysierte Benedikt Erenz in einem Artikel in der ZEIT mit dem Titel "Die tausend Augen des Doktor PC" schon 1993 sehr hellsichtig:

"Dann kann der Vorwurf der PC, im halb beleidigten, halb auftrumpfenden Das-wird-mandoch-wohl-noch-sagen-dürfen, selber zum Knüppel des Ressentiments werden – mit dem sich, dies nur nebenbei, auch jedes gesellschaftsvertragliche "Tabu", auch der Grundkonsens Grundgesetz, in Trümmer schlagen läßt. Denn riecht es nicht schon furchtbar nach PC, dieses bornierte linksliberale Beharren darauf, daß Frauen und Männer gleichberechtigt sind, daß Eigentum verpflichtet, daß politisch Verfolgte Asylrecht genießen?"
Literatur

  • Berman, Paul (ed.) (1992): Debating P.C.: the controversy over political correctness on college campuses. New York: Dell. (besonders die Einleitung von Berman: "The Debate and Its Origins", 1–26)
  • Elsner-Petri, Sabine (2016): Political Correctness. In: Kathrin Fahlenbrach / Martin Klimke / Joachim Scharloth (eds.): Protest Cultures. A Companion. New York/Oxford: Berghahn Books. S. 537-546.
  • Erd, Marc Fabian (2004): Die Legende von der Politischen Korrektheit. Zur Erfolgsgeschichte eines importierten Mythos. Bielefeld: Transcript.
  • Hildebrandt, Mathias (2005): Multikulturalismus und Political Correctness in den USA. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Kategorie: Gesellschaft, Linguistik; Keywords: politische Korrektheit

Der Hate Speech-Hype
"Hetze" und "Hass" in den Medien
von josch am 2016-09-15

Hate Speech ist in aller Munde, und das in doppelter Hinsicht: Einerseits flutet ein Tsunami an Hasskommentaren das Internet und untergräbt in den Augen vieler die Fundamente der demokratischen Meinungsbildung. Andererseits erleben wir, wie Hate Speech auch im öffentlichen Diskurs zu einer eigenständigen Kategorie der verbalen Herabsetzung wird. Ein Indiz dafür ist der Anstieg des Gebrauchs einschlägiger Lexeme in SPIEGEL Online in den letzten zwei Jahren (bis 8/2016). Neben dem Ausdruck der "Volksverhetzung", der einen Straftatbestand bezeichnet, ist die Anzahl der Nutzung der Ausdrücke "Hetze", "Hetzer" und "hetzerisch" sowie von "Hassbotschaft" und "Hasskommentar" im Ressort Innenpolitik deutlich gestiegen:

Lexeme im Wortfeld von Hate Speech in SPON Politik Deutschland je 10.000 Wörter

Auffällig ist freilich, dass das Wort "Hetze" häufiger verwendet wird als das Englische "Hate Speech" und seine Lehnübersetzung "Hassrede". Im Ressort Netzwelt freilich haben Komposita mit dem lexikalischen Morphem /hass/ wie "Hassbotschaft", "Hasskommentar" oder "Hassposting" den Ausdruck "Hetze" im Jahr 2016 noch überholt. Und auch die Bezeichnungen "Hate Speech" und "Hassrede" kommen deutlich häufiger vor, als in den Jahren vor 2015.

Lexeme im Wortfeld von Hate Speech in SPON Netzwelt je 10.000 Wörter

Die Analyse zeigt, dass der Ausdruck "Hate Speech" und seine Lehnübersetzung "Hassrede" sowie davon semantisch inspirierte Komposita wie "Hassbotschaft" - und mit ihnen Hassrede als spezifische Form verbaler Herabsetzung - im Kontext von Netzdiskursen geprägt wird. Im Englischen, in dem sich die Bedeutung von "Hate Speech" auch aus der semantischen Nähe zu "Hate Crime" (einem Delikt gegen ein nach dem Kriterium der vermeintlichen Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe ausgewählten Opfer) speist, ist der Ausdruck schon länger eingeführt, wie ein Blick auf die Daten im Google n-Gram-Viewer belegen.

"Hate Speech" im Google n-Gram-Viewer

Trotz aller Kritik am Begriff der Hassrede und trotz der heftigen Diskussionen darüber, wie mit Hate Speech in sozialen Medien zu verfahren sei, hat es den Anschein, dass es den Kritiken (noch) nicht gelungen ist, den Begriff negativ im Sinn einer undemokratischen Redeverbotsideologie zu besetzen, wie dies beim Ausdruck "politische Korrektheit" der Fall ist.
So spielt zwar auch in den Online-Publikationen des berüchtigten Kopp Verlag (hier ausgewertet: info.kopp-verlag.de) die Beschäftigung mit dem Thema eine immer größere Rolle. Dennoch wird hier dominant von "Hetze" gesprochen, als "Hate Speech" oder "Hassrede" wird das Thema erst seit 2016 geframet.

Lexeme im Wortfeld von Hate Speech in info.kopp-verlag.de je 10.000 Wörter

Auch wenn der Satz "Truth - The New Hate Speech" also in Deutschland (noch) nicht sinnvoll sagbar ist, zeigen die von den Wortfamilien der Morpheme /hetze/ und /hass/ bezeichneten Sachverhalte bei SPIEGEL Online und im Kopp Verlag nur geringe Schnittmengen, was auf eine lagerspezifische strategische Instrumentalisierung der Begriffe hindeutet.
Der folgende Graph zeigt Komposita mit dem lexikalischen Morphem /hass/ in den Korpora von info.kopp-verlag.de und SPIEGEL Online 2015 und 2016. Rot markiert sind Komposita, die sich ausschließlich beim Kopp Verlag fanden. Grau sind Komposita, die nur im Korpus von SPIEGEL Online vorkommen. Schwarz dargestellte Komposita finden sich in beiden Korpora.

Komposita mit /hass/

Während der Kopp-Verlag vom "Leser-Hass" und "Deutschland-Hass" schreibt und damit auf patriotische "Mainstream-Presse"-Verächter zielt, thematisiert SPIEGEL Online den Medienhass, also den Hass auf die Medien. Entsprechend werden viele Determintativkomposita mit /hass/ als Erstglied in Kontexten verwendet, in denen über die Bestrebung zur Ächtung von Hate Speech als staatliche Propaganda- und Zensurmaßnahme berichtet wird; oder sie bezeichnen Sachverhalte, die mit dem muslimischen Glauben im Zusammenhang stehen ("Hass-Moschee").
Die gleiche Tendenz ist bei Komposita mit dem lexikalischen Morphem /hetze/ beobachtbar. Hier wird beim Kopp-Verlag die Selbstviktimisierung der Neuen Rechten ("AfD-Hetz", "Medienhetze") und die Freundschaft zu Russland ("Kriegshetze" westlicher Politiker) sichtbar, aber auch die vermeintliche "Hetzjagd" auf Kritiker der Flüchtlingspolitik und der "Hetz-Pranger" der BILD, die Emittenten von Hate Speech in sozialen Netzwerken mit Klarnamen und Foto abgebildet hatte, verweisen darauf, dass man sich selbst und die eigenen Sympathisanten als Opfer eine "Hetzkampagne" sieht. Bei SPIEGEL Online dominiert dagegen eine Mischung aus Internet- und Flüchtlingsthematik, wenn von "Hetze" die Rede ist.

Komposita mit /hetze/

In der gegenwärtigen Konjunktur von Wort und Sachverhalt ist der Begriff der Hate Speech umkämpft. Während die begriffliche Unschärfe im Deutschen jede Art der gruppenbezogenen Beleidigung als Hate Speech deutbar macht und so die Extension des Begriffs auf viele Phänomene ausweitet, die im wissenschaftlichen Diskurs nicht als Hate Speech gelten würden, wird von anderer Seite versucht, den Begriff umzudeuten in ein Instrument der Unterdrückung freier Meinungsäußerung und Zensur. Ob dies gelingt dürfte wesentlich auch davon abhängen, ob es gelingt, im öffentlichen Diskurs eine verständliche und handhabbare Bedeutung von "Hate Speech" zu konturieren, die nicht leicht als Ressource zum Ausschluss missliebiger Positionen missbraucht werden kann, sondern Formen sprachlicher Herabwürdigung benennt und ächtet, die gruppenbezogen sind und deren herabwürdigende Kraft sich aus als unveränderlich gedachten Zuschreibungen an die Vertreterinnen und Vertreter dieser Gruppe speist.

Kategorie: Linguistik; Keywords: Hetze, Hass