Warum wollen manche Menschen sich nicht differenziert ausdrücken?
Ein Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur
von josch am 2016-12-11
1. Pegida, Flüchtlinge, Gewalt gegen Frauen, US-Wahlkampf: Viele öffentliche Debatten werden seit einiger Zeit besonders hitzig und polemisch geführt. Warum können oder wollen manche Menschen sich nicht differenziert ausdrücken? Was steckt dahinter?

Dafür gibt es aus meiner Sicht zwei Gründe.
Zum einen ist Aufmerksamkeit in Zeiten der digitalen Öffentlichkeit ein knappes Gut geworden. Während es früher überhaupt schwierig war, in die Medien zu kommen, kann sich heute zwar jeder jederzeit öffentlich äußern, aber die Chance Gehör zu finden ist entsprechend geringer. Undifferenziert, herabwürdigend oder ausgrenzend zu sprechen hat das Potenzial, dass sich andere Menschen darüber erregen. Das führt zu Anschlusskommunikation, die Aufmerksamkeit auf das Gesagte und die Person, die es gesagt hat, lenkt. Es sind oft Resonanzkalküle, die Bewegungen wie Pegida oder Politiker dazu veranlassen, undifferenzierte, teils sogar tabuisierte Dinge zu sagen getreu dem Motto "There is no such thing as bad publicity".
Andererseits bietet die immer wieder behauptete Vorstellung, die Meinungsfreiheit sei durch eine übertriebene 'Political Correctness' in Gefahr, Politikerinnen und Politikern die Möglichkeit, sich als unabhängige, autonome Persönlichkeit zu inszenieren, die von 'dem Establishment' oder einer vermeintlich vom Volk entfremdeten 'politischen Klasse' noch nicht korrumpiert ist. Dazu muss man wissen, dass der Begriff der 'Political Correctness' von rechtskonservativen Kreisen in den USA geprägt wurde, um Bemühungen um eine größere Sprachsensibilität als illegtim erscheinen zu lassen und sich gegen Kritik zu immunisieren. Die Bezeichnung 'politisch korrekt' unterstellt, dass etwas nur aufgrund politisch motivierter Rücksichtsnahmen 'korrekt' sei, gemessen an 'der Wirklichkeit' aber falsch. Diese Ideologie macht Sätze wie "Truth is the new Hate Speech" ("Wahrheit ist die neue Hassrede") plausibel. Wer Dinge sagt, die vom vermeintlichen Establishment als Hassrede bezeichnet werden, der sagt also die Wahrheit entgegen aller Widerstände.

2. Können Sie jüngste Beispiele nennen für besonders undifferenzierte Äußerungen?

Die Schlitzaugen-Rede Günther Oettingers war sicher dem Amt und der Institution, für die er steht, in besonderer Weise unangemessen.

3. Seit wann ist o.g. Entwicklung zu beobachten? Und wie war es zu früheren Zeiten, in Politik und Gesellschaft?

Ich denke nicht, dass wir undifferenzierter sprechen als früher. Politische Auseinandersetzungen waren auch früher nicht gerade von Differenzierung und einem rationalen Abwägen von Argumenten geprägt. Die strategische und emotionale Aufladung von Konflikten war schon immer der dominante Modus der öffentlichen politischen Kommunikation. Wir erleben vielleicht gerade einen Backlash, aber in der Tendenz ist die Sprachsensibilität in unserer Gesellschaft und besonders auch in der Politik gewachsen.

4. Differenzierungen haben ja auch etwas mit Respekt zu tun. Ist dieser generell auf dem Rückzug?

Das ist schwierig zu beantworten. Sicher ist es so, dass soziale Netzwerke davon leben, dass Menschen sich ständig exponieren und eine fortwährende Identitätspolitik betreiben. Viele Menschen machen ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstachtung damit stark abhängig von Dritten, ja teilweise sogar von Fremden und entkoppeln es so vom privaten, individuellen Selbstbezug. Das macht angreifbar und ein Angriff wiegt subjektiv sicher schwerer als zehn 'Likes'.

5. Wie kann man möglichst vorurteilsfrei und differenziert sprechen?

Zunächst einmal: Man kann nicht vorurteilsfrei sprechen und immer, wenn wir über jemanden sprechen, kategorisieren wir diese Personen und Gruppen schon dadurch, dass wir Wörter benutzen, die bestimmte Aspekte an ihnen hervorheben und relevant setzen. Auch das kann man nicht vermeiden. Gleichwohl besteht wohl Konsens darüber, dass man normalerweise darum bemüht sein sollte, Menschen nicht zu verletzen oder auszugrenzen, wenn man mit ihnen oder über sie spricht.
Auf die Frage aber, wann eine sprachliche Äußerung denn eigentlich verletzend oder diskriminierend ist, gibt es unterschiedliche Antworten.
Einige sind der Ansicht, dass die Macht zur Definition, was eine verletzende Äußerung ist, allein bei denen liegt, die sich als Opfer sprachlicher Gewalt fühlen. Ich halte diese Perspektive nicht für hilfreich, weil sie letztlich behauptet, dass die verletzende Kraft von Äußerungen unabhängig von den Absichten des Sprechers und dem Gehalt der Äußerung ist. Entsprechend wäre die Äußerung letztlich nicht mehr als eine Projektionsfläche innerpsychischer Konflikte des Adressierten. Es wäre daher leicht, sprachliche Gewalt als Paranoia ihrer Opfer abzutun.
Umgekehrt ist es sicher auch nicht zutreffend, dass ich jemanden nur dann beleidige, wenn ich mit einer Äußerung dies auch beabsichtige. Günther Oettingers Rede von den Schlitzaugen war offenbar nicht beleidigend intendiert, wurde aber dennoch von vielen so wahrgenommen. Deshalb war es auch richtig, dass er sich dafür entschuldigt hat.
Das zeigt schon, dass die verletzende Kraft sprachlicher Äußerungen sich nur aus einem Zusammenwirken mehrerer Faktoren erklären und die Wahrnehmung durch Dritte dabei immer eine wichtige Rolle spielt. Wer empathisch spricht und darauf achtet, wie seine Aussagen wirken, wird nicht viel falsch machen.

6. Können Menschen, die "postfaktisch" reden, von sachlichen Argumenten überhaupt erreicht werden, und wenn ja, wie stellt man das am besten an?

Hassrede und Polemik sind Ressourcen, mit denen Aufmerksamkeit erzeugt und Politik gemacht wird. Weil es bei ihnen nicht um Wahrheit geht, sind Argumente auch nicht anschlussfähig. Aus meiner Sicht muss ein Bewusstsein für diese Form der Politik geschaffen werden und die Art der Berichterstattung über verbale Entgrenzungen sollte sich entsprechend ändern, damit die Resonanzkalküle der Provokateure nicht mehr aufgehen.

Die Fragen stellte Letitia Witte von der Katholischen Nachrichten-Agentur. Das Interview erschien leicht bearbeitet u.a. im Domradio.

Kategorie: Gesellschaft; Keywords: Interview, Hassrede, Hate Speech, Beleidigung

Hassrede / Hate Speech
Ein Sonderheft der Zeitschrift "Aptum"
von josch am 2018-02-28

Für Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik habe ich als Gastherausgeber ein Heft zum Thema "Hassrede / Hate Speech" inhaltlich gestaltet. Im Folgenden veröffentliche ich das Editorial:

Der Ausdruck Hassrede und sein englisches Pendant Hate Speech haben im deutschen öffentlichen Diskurs eine steile Karriere gemacht. Seit 2015 sind sie zusammen mit den Ausdrücken Hasskommentar und Hassbotschaft sowie mit Komposita mit dem Determinatum Hetze (Hetzkommentar, Online-Hetze) zur Chiffre für die spezifische Qualität politischer Debatten in sozialen Netzwerken geworden. Hate Speech ist eine Sonderform der Herabwürdigung. Eine Herabwürdigung besteht darin, dass man einer Person eine soziale Identität zuschreibt, die von der Mehrheit der Gesellschaft negativ beurteilt wird, eine unwerte, moralisch verwerfliche oder randständige Identität. Im Unterschied zu anderen Formen der Herabwürdigung liegt Hate Speech dann vor, wenn die Herabwürdigung ihre herabwürdigende Kraft daraus bezieht, dass eine Person als Vertreterin einer Gruppe adressiert wird und ihr negative Eigenschaften zugeschrieben werden, die dieser Gruppe vermeintlich kollektiv, universell und unveränderbar zukommen.

Damit eine Äußerung den beabsichtigten herabwürdigenden Effekt hat, ist es nicht genug, sie öffentlich oder zumindest für den zu Beleidigenden wahrnehmbar zu äußern. Sie könnte als irrelevant ignoriert oder als Zeichen einer nicht normgemäßen Geistesverfassung des Beleidigers zurückgewiesen werden. Damit die Zuschreibung einer marginalisierten sozialen Identität gelingt, muss sie von Dritten anerkannt werden. Nur wenn eine relevante Gruppe von Menschen die Zuschreibung der negativen Eigenschaft als zutreffend anerkennt, hat dies Folgen für die soziale Identität der Betroffenen. Das unterscheidet sprachliche Gewalt auch von physischer Gewalt: Physische Gewalt kann man aufzwingen, symbolische Gewalt bedarf der Anerkennung durch Dritte. Damit Hate Speech wirken kann, braucht sie daher die Öffentlichkeit, den Skandal. Ohne die Claqueure auf den Plätzen, ohne die Likes auf Facebook hätte Hate Speech keine Chance.

Bislang war die Beschäftigung mit dem Phänomen Hate Speech von dem Bemühen geprägt, sie theoretisch zu fassen und von anderen Formen der Herabwürdigung abzugrenzen, ihre Erscheinungsformen zu beschreiben und ihre Effekte zu untersuchen. Die deontische Bedeutungsdimension, nämlich dass Hassrede eine zu vermeidende, ja zu ächtende Modalität der Interaktion ist, blieb dabei meist erhalten. Die hier versammelten Beiträge stellen insofern eine Neuorientierung in der Beschäftigung mit Hassrede / Hate Speech dar, als sie einerseits ihre gesellschaftliche Bearbeitung in den Blick nehmen und andererseits ihr fundamentale Funktion für die Dynamik von Kulturen und die Vorstellungen von sozialer Ordnung herausarbeiten.

Der Beitrag von Anne Lauber-Rönsberg stellt den Umgang mit Hate Speech aus juristischer Perspektive dar. Sie diskutiert insbesondere auch das vor wenigen Monaten verabschiedete "Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken" vor dem Hintergrund der Kommunikationsfreiheiten, dem Schutz des Einzelnen durch die Menschenwürde und das allgemeine Persönlichkeitsrecht sowie den Grundrechten derInformations-Intermediäre. Joachim Scharloth untersucht in seinem Beitrag sprachkritische Debatten zur Frage, ob es sich bei Äußerungen um (gruppenbezogene) sprachlichen Herabsetzungen handelt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass metainvektive Diskurse strategisch dazu genutzt werden soziale Ordnungsvorstellungen reflexiv zu machen, zur Sprache zu bringen und ggf. in Gruppen durchzusetzen. Constanze Marx richtet den Blick auf den Umgang mit Hate Speech durch Betroffene. Sie untersucht Strategien der Rekontextualisierung von Hassrede und deutet sie als Aneignungs- und Positionierungsverfahren, die geeignet sind, eine Ordnung zu installieren, die auf moralischen Maßstäben basiert. Lars Koch beschäftigt sich aus medienwissenschaftlicher Perspektive mit dem Wandel der Repräsentationsordnung (post-)migrantischer Lebensweisen in der bundesrepublikanischen Populärkultur, indem er die Aneignung von Invektivität im deutsch-türkischen Kino untersucht und noch einen Seitenblick auf die Ethno-Comedy wirft. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die beobachteten Entwicklungen als Verschiebung des hegemonialen Diskurses und als Außerkraftsetzung essentialisierender Kulturbestimmungen lesbar sind. Alfons Friedemann analysiert sprachkritische Wörterbücher, um die argumentativen Muster herauszuarbeiten, die benutzt werden, um den Gebrauch einzelner Ausdrücke als unmoralisch zu begründen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Topoi antirassistischer Wortkritik unter dem Einfluss der Neuen Sozialen Bewegungen verändert haben. Stefanolix reflektiert in seinem Beitrag, die Frage, inwiefern staatliche Maßnahmen geeignet sind, öffentliche Debatten zu regulieren. Als Blogger, der für diesen Beitrag sein Pseudonym, mit dem er im Netz schreibt und kommentiert, beibehält, leistet er einen Beitrag zur Frage, wie die Beteiligten die Debatte um Hate Speech wahrnehmen und welche Lösungsansätze sie zur Bearbeitung von Hassrede favorisieren.

Die Beiträge des Themenhefts sollen insgesamt dazu beitragen, eine Perspektive auf Praktiken sprachlicher Herabsetzung zu entwickeln, die nicht in der Semantik von Täter und Opfer, gut und schlecht, akzeptabel oder unschicklich aufgeht, sondern gruppenbezogene sprachliche Herabsetzung als einen fundamentalen Modus gesellschaftlicher Kommunikation fasst.

Aptum. Heft 02/2017. Themenheft: Hate Speech/Hassrede. Herausgegeben von Joachim Scharloth. 96 Seiten
Preis: 24,00 €, hier bestellbar

Kategorie: Publikationen; Keywords: Hassrede, Hate Speeech, Gesetze