Neuerscheinung: "Sprachliche Gewalt"
Ein Band zu Formen und Effekten von Pejorisierung, verbaler Aggression und Hassrede
von josch am 2018-09-19

Zusammen mit Fabian Klinker und Joanna Szczęk habe ich ein Buch zum Thema "Sprachliche Gewalt" beim Metzler Verlag herausgegen. Die vollständige bibliographische Angabe lautet:

Klinker, Fabian / Joachim Scharloth / Joanna Szczęk (Hrsg.) (2018): Sprachliche Gewalt. Formen und Effekte von Hassrede, Pejorisierung und verbaler Aggression. Stuttgart: J.B. Metzler.

Im Folgenden dokumentiere ich das Editorial, das einen Überblick über die Beiträge gibt.

Editorial

Sprachliche Gewalt, Beleidigungen, Herabwürdigungen und zeichenhafte Aggressionen sind Normal- und zugleich Grenzfall menschlicher Kommunikation. Einerseits kennen alle vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaften Formen von Spott, Lästerung, Schmähung und Beschimpfung, die deshalb als ein ubiquitäres soziales Phänomen gelten und als eine grundlegende Dimension menschlicher Kommunikation und Interaktion verstanden werden dürfen. Andererseits stellen Praktiken der Entwertung und Herabsetzung einen Grenzfall der Kommunikation dar, insofern sie zumeist als Überschreitung des normalen Modus zwischenmenschlichen Umgangs aufgefasst werden; eine Normüberschreitung, die aber zugleich in besonderer Weise die Umrisse gesellschaftlicher „Normalität“ markiert. Gewalt verstehen wir dabei mit Sybille Krämer (2007: 36f) als Angriff auf den physischen und symbolischen Körper einer Person gleichermaßen. Mit Gewalt geht eine Veränderung der physischen oder sozialen Position einer Person einher, die vom Ziel des gewalttätigen Angriffs als schmerzhaft und verletzend aufgefasst wird, insofern der Angriff die Identität (im Sinne einer Positionierung im sozialen Raum) bedroht.

Im Unterschied zur physischen Gewalt kann sprachlich-symbolische Gewalt allerdings nicht aufgezwungen werden. Sie ist auf die Mitwirkung des Adressierten angewiesen, beruht jedoch ebenso auf der ratifizierenden, legitimierenden und autorisierenden Kraft, die von Dritten ausgeht (Kuch 2010: 234ff). So sind personale Dritte als Zeugen daran beteiligt, ein ambiges Geschehen als gewaltsam, ehrverletzend oder diskriminierend durch ihre Deutungen und ihr Verhalten zu disambiguieren. Dritte statten Sprecherinnen und Sprecher potenziell verletzender Worte zudem mit symbolischem Kapital aus, so dass sie im Namen Dritter sprechen können. Und schließlich sind Dritte insofern am invektiven Geschehen beteiligt, als sprachliche Herabsetzung in konventionalisierten Formen erfolgen muss, will sie gelingen, und eine Äußerung frühere Äußerungen Dritter aufruft und zitiert. Entsprechend ist sprachliche Gewalt nicht allein erklärbar als Folge der Intentionen von Sprecherinnen und Sprechern und ebenso wenig allein aus dem subjektiven Empfinden der adressierten Person.

Sprachliche Gewalt lässt sich anhand verschiedener Parameter in typische Figurationen differenzieren (König / Stathi 2010): Gerichtetheit (adressiert / nicht-adressiert), Referenzsubjekte (gerichtet gegen Individuen oder Angehörige einer Gruppe), Konventionalität der Mittel (konventionalisierte vs. tabuisierte oder artifizielle Formen), Vermitteltheit (direkt vs. indirekt), Beziehungen zwischen Sprecher/in und Adressat/in (Symmetrie / Asymmetrie), Anwesenheit eines Publikums (öffentlich / nicht-öffentlich), Wahrheitsbezug (Referenz auf begründbare Wahrheiten / als unbegründete Vorwürfe), Iteration (Wiederholung / Einmaligkeit), Art und Weise der Realisierung (Performanz vs. Unterlassung). Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie haben differenzierte, teils überlappende Ansätze zur Konzeptualisierung des Phänomenbereichs entwickelt.

Sprachliche Gewalt kann als universelles Phänomen, als Kehrseite der ordnungsstiftenden Kraft von Sprache verstanden werden. Jede Zuschreibung und jede Appellation ist ein Akt der Gewalt, wenn auch ein Akt, dessen Gewaltsamkeit zunächst keiner moralischen Beurteilung unterliegt. Diese Gewalt freilich ist Bedingung der Möglichkeit des Sprechens und damit stets vorethisch.

Schimpfwörter als sprachliche Mittel der Beleidigung und Herabsetzung werden längst nicht mehr als lexikalische Einheiten aufgefasst, die per se die Funktion haben, den Adressierten Merkmale mit negativer Konnotation zuzuschreiben, sondern als Ausdrücke mit idiomatischer Prägung (Feilke 1996), die sich ihrer Verwendung in typisierten kommunikativen Kontexten, Situationen und Funktionen verdankt. Das invektive Potenzial sprachlicher Ausdrücke ist daher das Produkt situativer und gesellschaftlicher Kontexte sowie habitualisierter und ritualisierter Interaktionen.

Sprachliche Gewalt kann als Sprechakt im Sinne Austins aufgefasst werden. Das Äußern von Wörtern ist demnach intentionales Handeln. Damit Äußerungen gelingen, müssen sie einem sozialen Schema folgen, das u.a. soziale Rollen und Vorstellungen von institutioneller Autorität und Geltung einschließt. Äußerungen sprachlicher Gewalt müssen also institutionalisierte und ritualisierte Verfahren realisieren. Damit sich die intendierte performative Kraft entfalten und perlokutionäre Effekte eintreten können, ist die Ratifizierung durch Adressierte und ggf. auch als Zeugen fungierende Dritte notwendig.

Einige Formen Sprachliche Gewalt können auch als Unhöflichkeit (Bousfield 2008) konzeptualisiert werden. Zentraler Anker dieser Theorien ist der Face-Begriff von Goffman (1967): In der Interaktion sind die an ihr Beteiligten normalerweise darum bemüht, die Verhaltensstrategien der anderen Interaktandinnen und Interaktanden zu billigen und zu unterstützen und ihnen so ein konsistentes Selbstbild und damit einen positiven sozialen Wert zuzuweisen. Sprachliche Gewalt besteht in dieser Perspektive darin, die Verhaltensstrategien der Interaktionspartner zu durchkreuzen oder explizit zu negieren.

Postsouveräne Subjektauffassungen lenken den Blick stärker auf die Produktionsbedingungen sprachlich-gewaltsamer Äußerungen. Damit geraten auch Arten invektiven Sprechens in den Fokus des Interesses, die auf Gruppen bezogen und über Gruppenzuschreibungen motiviert sind.

In Butlers (2006) Theorie der Hassrede (Hate Speech) ist Sprechen zentrales Medium der Subjektivierung. Subjekte handeln in dem Maße, wie sie in einem sprachlichen Feld konstituiert sind, das von sprachlichen (Un-)Möglichkeitsräumen begrenzt wird. Sprechen ruft damit immer strukturelle Herrschaftsverhältnisse auf, schreibt sie wieder ein und rekonstruiert damit die strukturelle Herrschaft. Sprachliche Gewalt als Hatespeech ist in dieser Lesart die Konstitution eines (marginalisierten) Subjektes durch diskursive Mittel.

Lann Hornscheidt (2013) verortet die Möglichkeit diskriminierenden Sprechens in einem Dispositiv transdependenter Machtverhältnisse, das strukturelle Diskriminierung hervorbringt. Diskursive Diskriminierungen sind demnach durch ein Dispositiv gerahmt, das die Möglichkeitsbedingungen für diese Formen diskursiver Diskriminierungen bereitstellt. Macht wird dabei vor allem als die Möglichkeit, Normalitätsvorstellungen zu generieren, aufgefasst und korreliert mit der Verteilung von Ressourcen, seien es symbolische oder materielle. Diskriminierung ist entsprechend nicht nur ein Akt persönlicher Intentionen und Verletzbarkeiten, sondern vor allem konstituierendes Merkmal sozialer Strukturen.

Um dem breiten Spektrum des eingangs beschriebenen Paradoxons einer gleichzeitig normstiftenden wie -überschreitenden Wirkung von Herabsetzungen und sprachlicher Aggression in ausreichendem Maße habhaft zu werden, wird im vorliegenden Band ein breiter Phänomenbereich in den Blick genommen. Ausgehend von den skizzierten Großtheorien sollen zum einen die sprachlichen Realisierungsformen von Entwertungen beschreiben und analysiert und zum anderen die Effekte, die sich daraus für Einzelne, Gruppen und die soziale Ordnung ergeben, reflektiert werden.

Joachim Scharloth (Tokyo) perspektiviert in seinem Beitrag sprachliche Herabwürdigungen als Ressource für das Reflexivwerden gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen und damit als möglichen Auslöser gesellschaftlichen und kulturellen Wandels. Er geht davon aus, dass das invektive Potenzial von sprachlichen Formen und Praktiken das Ergebnis von expliziten Zuschreibungen ist, wobei die Zuschreibungen selbst auch invektiv gedeutet werden können. An Beispielen der 68er-Bewegung illustriert er, wie durch inszeniertes invektives Handeln metainvektive Debatten ausgelöst und Invektiven so ein Medium des Politischen werden können.

Indirekte Formen sprachlicher Aggression stehen im Fokus des Beitrags von Joanna Szczęk (Wrocław). Die Autorin beleuchtet dies am Beispiel der Kategorien der (Un)Höflichkeit, die als Instrumente der latenten Formen der sprachlichen Herabsetzung betrachtet werden. Es wird zugleich ein Versuch unternommen, einen Katalog der verdeckten Formen aggressiven Sprechens zu entwerfen.

Formen rationaler Argumentation, die als Formen der Verschleierung verbaler Aggression genutzt werden, sind Gegenstand der Analyse von Holger Kuße (Dresden). Der Verfasser analysiert das an Beispielen aus dem Ukrainekonflikt. Die Studie bietet einen Blick auf aggressive Argumente, aufgrund derer Argumentationen selbst aggressive Handlungen darstellen.

Im Mittelpunkt der Studie von Marcelina Kałasznik (Wrocław) stehen pejorative Metaphern im Flüchtlingsdiskurs. Die empirische Basis stellen Komposita mit dem Erstglied Flüchtling dar. Die Analyse konzentriert sich auf die Beantwortung der Fragen, worin die diskurslinguistische Relevanz der analysierten metaphorischen Zusammensetzungen besteht, und inwieweit sie herabsetzend wirken und wodurch sie ihren abwertenden Charakter entfalten.

Symbolische Gewalt kondensiert sich häufig in konkreten Sprachhandlungen als Beleidigung, Herabsetzung oder Entwertung, jedoch wird das invektive Potenzial solcher Äußerungen erst dann gesellschaftlich wirksam, wenn deren Geltungsanspruch durch eine narrative Struktur legitimiert wird. In besonderem Maße kann dabei das politische Programm fundamentaloppositioneller Parteien oder Gruppen als legitimatorische Instanz für gewaltbereites Sprechen und/oder Handeln fungieren. Im Beitrag „Narrative Legitimation invektiven Sprechens in der Politik“ von Fabian Klinker (Dresden) werden am Beispiel politischer Reden Adolf Hitlers korpuslinguistisch typische nationalsozialistische Erzählmuster beschrieben, die als konstitutiv für herabsetzendes und entwertendes Sprechen gelten können.

Invektivitätspotenzial der olfaktorischen Lexeme Stinker / Stänkerer im Deutschen und śmierdziel / śmierdziuch im Polnischen wird im Beitrag von Przemysław Staniewski (Wrocław) analysiert. Ausgehend von den Wörterbuchdefinitionen werden Beispiele aus den Korpora (DeReKo, NKJP) angeführt, anhand derer zusätzliche semantische Komponenten der analysierten Lexeme ermittelt werden und die bezeugen, dass die Geruchswörter über das Invektvitätspotenzial sowohl auf der wörtlichen, d.h. perzeptuellen, als auch auf der metaphorischen Ebene verfügen.

Die dramatischen Tragödien um terroristische Gewaltakte sind dieser Tage omnipräsent in der Medienberichterstattung. Gerade dort etabliert sich der Terrorismus neben seiner ursprünglich physischen Dimension jedoch auch als Kommunikationsstrategie, welche im Medium kollektiv induzierter Angst als eine Form der kulturellen Herabsetzung interpretiert werden kann. Die theoretische Ausdifferenzierung dieser gesellschaftlich sehr wirksamen Spielart symbolischer Gewalt wird im Beitrag „Die Angst vor Terrorismus. Emotionen in Folge von kollektiver Herabsetzung“ von Christopher Georgi (Dresden) empirisch anhand einer korpuslinguistischen Studie zur Funktionsweise der Angstkommunikation im medialen Terrorismusdiskurs nachvollzogen.

Der Beitrag „Entwertungs-Handlungen im Zuge diskursiver Radikalisierung – 'Wir sind auf verschiedenen Seiten der Barrikade'“ von Michaela Schnick (Dresden) führt das Konzept der diskursiven Radikalisierung ein, das von einer zunehmenden Entfernung von Akteur_innen-Positionen ausgeht, die anhand von topischen Strukturen und im Speziellen durch Entwertungs-Handlungen am Beispiel von Maischberger-Sendungen untersucht werden. Radikalisierung wird insofern als sprachliche Gewalt verstanden, als dass die am Radikalisierungsprozess beteiligten diskursiven Positionen potenziell verdrängt bzw. angegriffen werden.

Mihael Svitek unternimmt mit dem Beitrag „Der Ideologievorwurf“ den Versuch einer linguistischen Erstbeschreibung eines Phänomens sprachlicher Gewalt, welches zwar eher diffus und wenig offensichtlich zutage tritt, aber gerade im politischen Diskurs als gängige Argumentationspraxis eine enorme Wirkmächtigkeit erzeugt, indem es im öffentlichen Raum politischen Gegnern unter dem Verdacht ideologischer Befangenheit von vornherein eine relevante realweltliche Bezugnahme abspricht. Anhand eines Korpus von Redeprotokollen des Bundestags der 17. Legislaturperiode (2009-2013) werden in einer empirischen Analyse diverse Formen und Funktionen des Ideologievorwurfs im parteilichen Vergleich analysiert.

Verschwörungstheorien stützen sich auf alternative Wissensbestände, die es gegen gängige, sozial anerkannte Erklärungsmodelle und Wirklichkeitsbestimmungen zu etablieren und zu verteidigen gilt. Im Zuge dessen wird ein dualistisches Weltbild aufgebaut, in dem die Gegenseite als gefährlich und unehrlich dargestellt und somit entwertet wird. Wie sich diese und andere Strategien auf einer sprachlichen Ebene manifestieren, untersuchen Josephine Obert und Franz Keilholz (Dresden) mit Hilfe vergleichender korpuslinguistischer Verfahren in ihrem Beitrag „Wahrheitsoperationen bei 'alternativen Fakten': Verschwörungstheoretische Strategien zur Abwertung von Autoritäten im Medium der Sprache“.

„Pluralisierung als Relativierung von Wahrheit im ‚Informationskrieg’” lautet der Titel der Studie von Judith Felten (Dresden). Auf der Basis eines framesemantischen Vergleichs von Russia Today Deutschland und tagesschau.de wird gezeigt, dass durch das Aufzeigen immer neuer, alternativer Deutungen einzelner Fakten Wahrheit als regulative Idee entwertet wird.

Die hier versammelten Texte sollen dazu beitragen, eine Perspektive auf Praktiken sprachlicher Herabsetzung und Entwertung zu entwickeln, die nicht in der Semantik von Täter und Opfer, gut und schlecht, akzeptabel oder unschicklich aufgeht. Vielmehr soll der primär sprachkritische Blick durch eine Perspektive erweitert werden, in der invektives Handeln als fundamentaler Modus gesellschaftlicher Kommunikation einen wichtigen Beitrag zur Konsolodierung und/oder Dynamisierung sozialer, kultureller und diskursiver Ordnung leistet.

Literatur

  • Bousfield, Derek (2008): Impoliteness in Interaction. Amsterdam: John Benjamins.
  • Butler, Judith (2006): Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Feilke, Helmuth (1996): Sprache als soziale Gestalt. Ausdruck, Prägung und die Ordnung der sprachlichen Typik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Goffman, Erving (1967): Interaction ritual. Essays in face-to-face behavior. Chicago: Aldine.
  • Hornscheidt, Lann (2013): Der Hate Speech-Diskurs als Hate Speech: Pejorisierung als konstruktivistisches Modell zur Analyse diskriminierender Sprach_handlungen. In: Meibauer, Jörg (Hrsg.): Hate Speech/Hassrede. Interdisziplinäre Beiträge des gleichnamigen Workshops, Mainz 2009. Linguistische Untersuchungen. Gießener elektronische Bibliothek. S. 29-58. Online: Online
  • König, Ekkehard / Stathi, Katarina (2010): Gewalt durch Sprache: Grundlagen und Manifestationen. In: Krämer, Sybille / Koch, Elke (Hrsg.): Gewalt in der Sprache. Rhetoriken verletzenden Sprechens. München: Wilhelm Fink Verlag. S. 45-59
  • Krämer, Sybille (2007): Sprache als Gewalt oder: Warum verletzen Worte? In: Herrmann, Steffen Kitty / Krämer, Sybille / Kuch, Hannes (Hrsg.): Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung, Edition Moderne Postmoderne. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 31–48.
  • Kuch, Hannes (2010): Austin – Performative Kraft und sprachliche Gewalt. In: Kuch, Hannes / Herrmann, Steffen Kitty (Hrsg.): Philosophien sprachlicher Gewalt. 21 Grundpositionen von Platon bis Butler. Weilerswist. S. 219-240.

Kategorie: Publikationen; Keywords: Hassrede, Hate Speech, Beleidigung, Herabwürdigung, sprachliche Gewalt

Warum wollen manche Menschen sich nicht differenziert ausdrücken?
Ein Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur
von josch am 2016-12-11
1. Pegida, Flüchtlinge, Gewalt gegen Frauen, US-Wahlkampf: Viele öffentliche Debatten werden seit einiger Zeit besonders hitzig und polemisch geführt. Warum können oder wollen manche Menschen sich nicht differenziert ausdrücken? Was steckt dahinter?

Dafür gibt es aus meiner Sicht zwei Gründe.
Zum einen ist Aufmerksamkeit in Zeiten der digitalen Öffentlichkeit ein knappes Gut geworden. Während es früher überhaupt schwierig war, in die Medien zu kommen, kann sich heute zwar jeder jederzeit öffentlich äußern, aber die Chance Gehör zu finden ist entsprechend geringer. Undifferenziert, herabwürdigend oder ausgrenzend zu sprechen hat das Potenzial, dass sich andere Menschen darüber erregen. Das führt zu Anschlusskommunikation, die Aufmerksamkeit auf das Gesagte und die Person, die es gesagt hat, lenkt. Es sind oft Resonanzkalküle, die Bewegungen wie Pegida oder Politiker dazu veranlassen, undifferenzierte, teils sogar tabuisierte Dinge zu sagen getreu dem Motto "There is no such thing as bad publicity".
Andererseits bietet die immer wieder behauptete Vorstellung, die Meinungsfreiheit sei durch eine übertriebene 'Political Correctness' in Gefahr, Politikerinnen und Politikern die Möglichkeit, sich als unabhängige, autonome Persönlichkeit zu inszenieren, die von 'dem Establishment' oder einer vermeintlich vom Volk entfremdeten 'politischen Klasse' noch nicht korrumpiert ist. Dazu muss man wissen, dass der Begriff der 'Political Correctness' von rechtskonservativen Kreisen in den USA geprägt wurde, um Bemühungen um eine größere Sprachsensibilität als illegtim erscheinen zu lassen und sich gegen Kritik zu immunisieren. Die Bezeichnung 'politisch korrekt' unterstellt, dass etwas nur aufgrund politisch motivierter Rücksichtsnahmen 'korrekt' sei, gemessen an 'der Wirklichkeit' aber falsch. Diese Ideologie macht Sätze wie "Truth is the new Hate Speech" ("Wahrheit ist die neue Hassrede") plausibel. Wer Dinge sagt, die vom vermeintlichen Establishment als Hassrede bezeichnet werden, der sagt also die Wahrheit entgegen aller Widerstände.

2. Können Sie jüngste Beispiele nennen für besonders undifferenzierte Äußerungen?

Die Schlitzaugen-Rede Günther Oettingers war sicher dem Amt und der Institution, für die er steht, in besonderer Weise unangemessen.

3. Seit wann ist o.g. Entwicklung zu beobachten? Und wie war es zu früheren Zeiten, in Politik und Gesellschaft?

Ich denke nicht, dass wir undifferenzierter sprechen als früher. Politische Auseinandersetzungen waren auch früher nicht gerade von Differenzierung und einem rationalen Abwägen von Argumenten geprägt. Die strategische und emotionale Aufladung von Konflikten war schon immer der dominante Modus der öffentlichen politischen Kommunikation. Wir erleben vielleicht gerade einen Backlash, aber in der Tendenz ist die Sprachsensibilität in unserer Gesellschaft und besonders auch in der Politik gewachsen.

4. Differenzierungen haben ja auch etwas mit Respekt zu tun. Ist dieser generell auf dem Rückzug?

Das ist schwierig zu beantworten. Sicher ist es so, dass soziale Netzwerke davon leben, dass Menschen sich ständig exponieren und eine fortwährende Identitätspolitik betreiben. Viele Menschen machen ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstachtung damit stark abhängig von Dritten, ja teilweise sogar von Fremden und entkoppeln es so vom privaten, individuellen Selbstbezug. Das macht angreifbar und ein Angriff wiegt subjektiv sicher schwerer als zehn 'Likes'.

5. Wie kann man möglichst vorurteilsfrei und differenziert sprechen?

Zunächst einmal: Man kann nicht vorurteilsfrei sprechen und immer, wenn wir über jemanden sprechen, kategorisieren wir diese Personen und Gruppen schon dadurch, dass wir Wörter benutzen, die bestimmte Aspekte an ihnen hervorheben und relevant setzen. Auch das kann man nicht vermeiden. Gleichwohl besteht wohl Konsens darüber, dass man normalerweise darum bemüht sein sollte, Menschen nicht zu verletzen oder auszugrenzen, wenn man mit ihnen oder über sie spricht.
Auf die Frage aber, wann eine sprachliche Äußerung denn eigentlich verletzend oder diskriminierend ist, gibt es unterschiedliche Antworten.
Einige sind der Ansicht, dass die Macht zur Definition, was eine verletzende Äußerung ist, allein bei denen liegt, die sich als Opfer sprachlicher Gewalt fühlen. Ich halte diese Perspektive nicht für hilfreich, weil sie letztlich behauptet, dass die verletzende Kraft von Äußerungen unabhängig von den Absichten des Sprechers und dem Gehalt der Äußerung ist. Entsprechend wäre die Äußerung letztlich nicht mehr als eine Projektionsfläche innerpsychischer Konflikte des Adressierten. Es wäre daher leicht, sprachliche Gewalt als Paranoia ihrer Opfer abzutun.
Umgekehrt ist es sicher auch nicht zutreffend, dass ich jemanden nur dann beleidige, wenn ich mit einer Äußerung dies auch beabsichtige. Günther Oettingers Rede von den Schlitzaugen war offenbar nicht beleidigend intendiert, wurde aber dennoch von vielen so wahrgenommen. Deshalb war es auch richtig, dass er sich dafür entschuldigt hat.
Das zeigt schon, dass die verletzende Kraft sprachlicher Äußerungen sich nur aus einem Zusammenwirken mehrerer Faktoren erklären und die Wahrnehmung durch Dritte dabei immer eine wichtige Rolle spielt. Wer empathisch spricht und darauf achtet, wie seine Aussagen wirken, wird nicht viel falsch machen.

6. Können Menschen, die "postfaktisch" reden, von sachlichen Argumenten überhaupt erreicht werden, und wenn ja, wie stellt man das am besten an?

Hassrede und Polemik sind Ressourcen, mit denen Aufmerksamkeit erzeugt und Politik gemacht wird. Weil es bei ihnen nicht um Wahrheit geht, sind Argumente auch nicht anschlussfähig. Aus meiner Sicht muss ein Bewusstsein für diese Form der Politik geschaffen werden und die Art der Berichterstattung über verbale Entgrenzungen sollte sich entsprechend ändern, damit die Resonanzkalküle der Provokateure nicht mehr aufgehen.

Die Fragen stellte Letitia Witte von der Katholischen Nachrichten-Agentur. Das Interview erschien leicht bearbeitet u.a. im Domradio.

Kategorie: Gesellschaft; Keywords: Interview, Hassrede, Hate Speech, Beleidigung